Der Preis der scheinbar grenzenlosen Freiheit

Die letzten Tage waren die mit Abstand rastlosesten seit geraumer Zeit. Die Gedanken drehen und drehen sich. Aber etwas ist anders als sonst: sie bleiben nicht zwischendurch stehen und drehen sich dann einfach erneut in die andere Richtung weiter. Nein, dieses Mal nicht. Dieses Mal zeigen sie neue Wege und Alternativen auf. Wege, die ich beschreiten kann. Wege, die gar nicht mal so fernab der Realität zu sein scheinen. Aber warum ist das auf einmal so?

Vielleicht,

…weil ich mich seit langem nicht ohnmächtig im grünen Nebel versteckt und verloren fühle. Vielleicht, weil ich seit meiner Reise gemerkt habe, wie stark und „bei mir“ ich sein kann. Vielleicht, weil ich einfach merke, dass die letzten drei Jahre eine schöne verfeierte, vergammelte, strukturlose, unberechenbare, von Überraschungen durchtränkte Phase war, die sich nun – in erster Linie – gedanklich dem Ende nähert. Wie viele Abende habe ich die letzten Monate lieber Zuhause mit mir selbst verbracht, anstatt in alte Muster oder den alten Rhythmus zu verfallen und die Nächte durchzumachen; den Tagen ihren Wert abzusprechen und sie dementsprechend an mir vorbeiziehen lassen?! Wie viele Momente habe ich darüber nachgedacht, wie wenig mich meine aktuelle Situation befriedigt?! Es gibt mir einfach nichts mehr. Weder das Nachtleben oder nachts leben noch das betäubte in der Ecke liegen und irgendwelche Bildschirme anstarren.

Aber woher kommt die Erschöpfung?

Woher kommt das Gefühl der Rastlosigkeit und zumindest in regelmäßigen Abständen eintretenden melancholischen Zustände, die ein Gefühl der Ohnmacht und Lethargie mit sich bringen? Wer viel erlebt, muss auch viel verarbeiten. Die Seele braucht ihre Zeit. Man könnte sagen, die Schübe kommen quartalsweise. Wie die GEZ: braucht auch keiner, muss man sich trotzdem alle drei Monate geben. Was will mein Geist mir sagen? Immer mal wieder kochen sie über, die Emotionen nehmen mich ein, beschränken mein Handeln, irritieren mein Denken. Selten bin ich so neben der Spur, wie in diesen Momenten. Alles wirkt bedrohlich, alles wirkt auf einmal so labil. Labil ist dabei eigentlich nur mein Geisteszustand, denn alles andere scheint unverändert. Die Wohnung, in der ich aufwache, ist die gleiche. Die Arbeit, die ich im Laufe des Tages erledigen werde, ist die gleiche. Die Menschen, die in meinem Umfeld sind, haben diesen Platz auch nicht erst seit gestern. Trotzdem überkommt es mich, von heute auf morgen, von der einen Sekunde auf die andere. Alles, was eben noch so glanzvoll strahlte und wie eine angenehme, verlässliche Konstante in meinem Leben wirkte, ist auf einmal grau und matt. Hinter einem dichten Nebel versteckt, von unangenehmen Erinnerungen geschwängert und der Weg dorthin mit Selbstzweifeln gepflastert. Alles wirkt auf einmal so trivial, alles ist auf einmal so belanglos. Was gestern noch wichtig schien, ist heute lediglich weiterer Ballast, der den Gang aus dem Haus nur noch schwerer macht.

Wofür das Ganze?

Wofür eigentlich das Alles? Es ist immer nur der Moment – ja klar – doch trotzdem wirken manche Momente einfach schwerer als andere. Probleme, die mir heute unlösbar erscheinen, existieren morgen vielleicht gar nicht mehr. Mindset ist alles. Probleme entstehen dort, wo du ihnen den perfekten Nährboden bietest: Selbstzweifel und Angst. Oder das Gefühl, nicht wirklich deine Wahrheit zu leben. Deine Wahrheit leben. Klingt bestimmt komisch – ist auch nicht ganz so einfach. Meine Wahrheit leben? Was soll denn damit gemeint sein? Schließlich stehe ich jeden Tag mit demselben Namen auf und erledige meinen Alltag.

Meine Wahrheit,

…ist aber nicht mein Alltag. Meine Wahrheit befindet sich nochmal ganz woanders: tiefer – in der Seele. Wenn du mit deiner Seele im Einklang bist und deinen Bedürfnissen getreu handelst, dann bist du näher an deiner Wahrheit als du denkst. Aber wenn du in erster Linie versuchst, anderen gerecht zu werden und dich verbiegst, damit andere stolz auf dich sind oder dich als liebenswerter empfinden, dann bist du lediglich nicht besonders selbstsicher. Du machst deinen Selbstwert dann im Außen fest, somit haben andere Menschen einen extrem großen Einfluss auf dich und deine Gedanken, wenn auch unterbewusst. Dinge, die man macht, weil man denkt, dass der Partner/ die Freundin/ die Eltern / der Chef oder wer auch immer dann besonders stolz auf einen sind, haben meistens noch einen zweiten Nebeneffekt:

Scham und falsche Bescheidenheit.

Scham die eigenen Bedürfnisse zu leben oder Vorstellungen zu verwirklichen, weil sie eventuell jemandem missfallen oder nicht in den Kram passen könnten. Falsche Bescheidenheit, weil Bedürfnisse ignorieren oftmals mit der Verschwendung des eigenen Potenzials einhergeht – meiner Meinung nach. Schließlich tut man etwas nicht aus voller Leidenschaft heraus oder mit bestem Gewissen. Es ist ein Kompromiss – zumindest für den Moment. Mir ist in der letzten Zeit auch bewusst geworden, dass ich hier und da mehr geredet als gefühlt; mehr gelebt als erlebt; unschöne Gefühle ignoriert und an einigen Stellen auch bewusst verdrängt habe. Selbstschutz eben. Schutz ist wichtig, nicht nur beim Geschlechtsverkehr.

Aber Mauern mag ja eigentlich keiner: weder an der Landesgrenze noch im Kopf. Also runter mit den Mauern.

Menschsein.

Seitdem ist alles wieder anders. Besser… echt authentisch. Es ist eben immer nur der Moment und am Ende bin ich selbst für mein Glück verantwortlich. Wie jeder andere auch.

Zum Glück.

Bild: Henk Aaron