Erwachen.

Ich hatte immer wieder diesen Traum. Ich war in Gefahr. Und ich war blind. Ich hatte immer das Gefühl als müsste ich stark blinzeln, weil ich geblendet werde aber es erscheinen nur unerkennbare Umrisse in dem Lichtstrahl. Mein Herz überschlug sich jedes Mal, wann ich aufwachte und mein Atem ging schnell. Ja in den intensivsten Episoden erwachte ich von einem unüberhörbaren japsen nach Luft und saß beinah aufrecht im Bett. Schweißgebadet, tränenüberströmt. Was sollte mir das sagen? Wieso war ich jedes Mal beinahe blind und schien vor etwas zu flüchten, oder von etwas bedroht zu werden. Die Träume waren wiederholend intensiv und enthielten meistens ein gewisses Detail; eine Erfahrung oder ein Ereignis, das mein Unterbewusstsein nachhaltig zu beschäftigen schien. Mal fand das Szenario in meinem Elternhaus statt; mal in meiner letzten Beziehung in einer anderen Stadt; mal an einem fremden Ort, aber dann waren die Akteure mir irgendwo schon einmal begegnet. Entweder im engen Bekanntenkreis, selten aus der Familie, dafür öfters völlig zusammenhangslos aus einer flüchtigen Begegnung im Alltag. Aber eins sollte sich nie ändern: Am Ende war ich immer blind und suchte händeringend um Hilfe. Ich verstand es nicht.

Nach geraumer Zeit suchte ich im Internet nach Traumdeutungsbüchern und psychologischen Ansätzen für immer wiederkehrende Symbole in der Traumwelt. Ich deutete meine sich wiederholende Blindheit sowie Hilflosigkeit. „Sie verschließen vor etwas die Augen, sie fühlen sich eventuell schuldig oder laufen vor etwas weg.“ Ach ja, okay. Hätte man eigentlich auch selbst draufkommen können. Es war viel passiert und ich habe nicht immer alles reflektiert. Verdrängen ist halt manchmal einfach die einfachere Lösung und macht in den meisten Fällen, zumindest zeitweilig, auch mehr Spaß. Ohne Spaß kein Fun. Verdrängen heißt leider nicht vergessen und so wandert das meiste unverdaut ins Unterbewusstsein. Auch der Magen mag sein Essen lieber vorgekaut.

Aber was genau sollte ich denn – witzigerweise – meiner Meinung nach verdrängt haben? Was passiert war? Nein, ganz im Gegenteil. Das war doch ständig in meinen Gedanken und ließ mich so rast- und ruhelos bleiben. Und vor allem schlaflos. Schlaf ist so wichtig. Das wird mir mittlerweile jedes Mal bewusst, wenn ich morgens nach einer achtstündigen Portion Schlaf aufwache und mich erholt fühle. Die Nacht nicht auf der Flucht war und auch nicht nach Hilfe suchen musste.

Aber wann kam der Moment, an dem sich das alles änderte? In dem Moment, als ich anfing mich wirklich um mich zu kümmern. Mich den Gedanken zu stellen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und vor allem wirklich was für mich zu tun. Nicht weiter in Extremen zu leben und aufzudrehen, anstatt zu entspannen.

Flucht in die Sucht.

Zugegeben, Drogen sind eine großartige Sache, um sich für eine gewisse Zeit eine eigene Welt zu erschaffen und seinen Alltag fernab der Realität zu leben. Irgendwo ist immer ein Rave. Nie genug. Das sehe ich jetzt nicht mehr so. Drogen sind gefährlich. Gerade in schweren Zeiten sind sie pures Gift. Das gleiche gilt für Sex. Sinnlose ONS machen einen nicht glücklicher. Im Gegenteil. Die Toleranzgrenze steigt. Das High hingegen nimmt ab - wie bei Koks. Frustrierend, anstrengend… und unnötig.

Es klingt abgedroschen und wenig individuell, aber letztlich war es doch das Reisen, Meditation, Achtsamkeit, der Beginn einer Therapie, Ruhe, ein gewisses Maß an Struktur, Sport und vor allem Yoga, als auch das ein oder andere Buch, was mir eine konstanteren inneren Frieden verschaffte. Alles schien nicht mehr so existenziell bedrohlich. Seitdem habe ich mein Augenlicht wieder. Ich schaue scheinbar nicht mehr weg. Ich schau in mich hinein. Ich höre mir zu. Damit will ich nicht sagen, dass es die richtige und einzige Lösung für jeden und jedes Problem ist. Mir hat es geholfen und ich bin froh, diese Erkenntnis gesammelt zu haben und um eine Erfahrung reicher zu sein. Auch wenn das momentan einfach ziemlich dem Work-Life-Balance / Mindfulness Mainstream entspricht. (Ja, ich höre auch Podcasts und es sind echt ein paar verdammt gute dabei.)

Die Erkenntnis kam letztlich an Weihnachten. Mir ist interessanterweise heute aufgefallen, dass ich diesen Traum seit Monaten nicht mehr hatte. Dafür, dass er mich Jahre begleitet hat, hat er sich recht anstandslos und ohne viel Aufsehen verabschiedet. Naja, wäre auch irgendwie paradox gewesen.

In diesem Sinne: ich geh jetzt erstmal eine Woche ins Schweigekloster und werde mir danach noch ein wenig die Zeit mit Wandern, Yoga und Surfen vertreiben. Damit sollte die Selbstfindung dann pünktlich im neuen Jahr abgeschlossen sein – hoffentlich nicht. Das wäre ja langweilig. Eine spannende weitere Entwicklung zumindest wäre damit ausgeschlossen.

Neugier muss genährt werden.

Photo by Hans Krum

Literatur:

Marshall B. Rosenberg - Gewaltfreie Kommunikation

James Redfield - Die Prophezeiungen von Celestine

Diegelmann/Isermann - Kraft in der Krise

John Sterkeley - Das Cafe am Rande der Welt

Podcast:

Sarah Desai - The Mindful Sessions

Laura Malina Seiler - Happy, Holy & Confident

Tanita Romina - moveyourlove