Schuld.

Schuld. Die Schuldfrage. Das Schuldkonzept. Laut Nietzsche ein von der Gesellschaft auf das Individuum projiziertes Gefühl, welches sein Handeln fortlaufend bestimmt und manipuliert. Kinder haben kein Schuldempfinden. Sie bereuen ihre Taten erst, wenn sie dafür zur Rechenschaft gezogen und bestraft wurden. Soweit zur Ausgangsthese des Philosophen.

Ein Seitensprung ist ein weiteres schönes Beispiel hierfür: der Betrüger fühlt sich während des Aktes selten schlecht, sonst würde er es schließlich nicht tun. Er oder Sie verspricht sich etwas davon und sei es bloß die temporäre Befriedigung der eigenen Gelüste oder allgemein gesprochen: des Sexualtriebs.

Die Schuldgefühle kommen erst, wenn der Betrogene seine verletzten Gefühle offenbart und das vorhergegangene Handeln des Partners im Nachhinein als schlecht oder moralisch verwerflich bewertet. Manchmal passiert es sogar, dass sich die Schuldgefühle nach der Trennung in eine Art Genugtuung umwandeln oder sich im Verlauf völlig relativieren. Man fühlt sich schlecht, da man eine Abmachung gebrochen oder gegen gesellschaftliche Werte und Normen verstoßen hat, nicht aber, weil man sich für einen kurzen Moment sexuelle Befriedigung verschafft hat.

Auch der alljährliche „Weihnachtsstress“ ist ein sehr anschauliches Beispiel für die Folgen von gesellschaftlichen Erwartungen an das Individuum: es schickt sich der Familie und Freunden Geschenke zu kaufen, entfernten Be-/Verwandten Weihnachtskarten zu schreiben und beim Fest der Liebe voller Frohsinn beieinander zu sitzen. Aber nicht jeder freut sich darauf Geschenke zu kaufen, die eventuell keinen Nutzen haben oder eh nur höflichkeitshalber entgegengenommen werden.

Es hat auch nicht jeder wirklich Spaß daran, den entfernten Bekannten eine Weihnachtskarte zu schreiben in der lückenhaft und eher sachlich sortiert als emotional formuliert das letzte Jahr in seiner gesamten Fülle durchgekaut wird. Es wird schon einen Grund haben, dass man das ganze Jahr so gut wie keinen Kontakt hatte… wieso also gerade jetzt?

Diese ganzen Erwartungen führen dann letztlich dazu, dass aus dem besinnlichen Weihnachtsfest der erwartungsgeschwängerte Weihnachtsstress resultiert. Die schönen Momente bleiben dabei meist auf der Strecke. Viele handeln aus Pflichtgefühl, eher wenige aus ihrem Gefühl heraus.

Zusammenfassend bedeutet dies also, dass die eigenen moralischen Ansprüche des Individuums auch dessen Schuldbewusstsein regulieren. Die Frage sollte demnach lauten, ob der Mensch die gesellschaftlichen Werte und Normen akzeptiert, oder bereit ist, sich seine eigenen Grenzen zu stecken und somit letztlich befreiter – zumindest von Schuldgefühlen – durchs Leben zu gehen.

Natürlich klingt das einfacher als es ist. Schließlich bedeutet die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen gleichzeitig auch die Konsequenzen zu tragen. Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen bedeutet zu seinen Taten zu stehen und sich nicht dafür zu entschuldigen. Eine Entschuldigung distanziert den Sender oftmals von seinen eigenen Taten und führt dazu, dass bestimmte Teile der Persönlichkeit nicht akzeptiert beziehungsweise unterdrückt werden. Frei ist anders.

Aber woher kommt das Verlangen der Menschen sich durch Floskeln, oberflächlicher Höflichkeit und Erwartungen das Leben schwer zu machen? Wird man dadurch zu einem besseren Menschen? Denn darum geht es doch im Endeffekt: seinem Gegenüber zu demonstrieren, dass man ein gönnerhafter Charakter ist, der sich ständig und zu jeder Zeit um seine Mitmenschen bemüht. Natürlich ist das wichtig und Menschlichkeit ist meiner Meinung nach mit Abstand die größte und zugleich wichtigste Tugend, aber vergessen wir durch zu viele Nichtigkeiten nicht das eigentlich Wichtige?

Wirklich präsent zu sein. Frei von Erwartungsdruck und Zwängen zu handeln, ohne Angst zu haben, gesellschaftlich degradiert zu werden? Angst lähmt... auch hier wieder. Wie soll man sich frei entfalten, wenn überall Grenzen gezogen werden, die scheinbar mit Stacheldraht gesichert dem Individuum jedes Mal einen Schlag versetzen, wenn es sich nicht korrekt verhält?!

Keiner will angelogen werden, aber niemand scheut sich zu lügen. Ist das nicht paradox? Sollte eine freie Meinungsäußerung und Verständnis für Fehltaten oder Ausrutscher nicht selbstverständlich sein. Steht derjenige, der verurteilt nicht letztlich am meisten unter Druck fehlerfrei zu sein?! Sind wir nicht alle manchmal gern ein wenig verrückt, nicht normal, ein wenig falsch? Ich zumindest schon.

Wieso haben wir an den witzigsten Abenden meist „zu viel getrunken“ und nicht „die richtige Menge“?! Warum haben wir durch stundenlanges Tanzen übertrieben, und uns nicht einfach nur ausgetobt?! So lange ich mir der Konsequenzen bewusst und bereit bin den Kater am folgenden Morgen mit Würde zu tragen ist doch alles gut. Warum sollte ich also das Gefühl haben, mich dafür schämen zu müssen, indem ich mein Verhalten selbst als „mal über die Strenge schlagen“ stigmatisiere?!

Die Schuldfrage ist vielleicht vor Gericht ausschlaggebend, aber innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen sollte sie doch eher weniger eine Rolle spielen. Sich schuldig fühlen ist kein schönes Gefühl. Etwas bereuen müssen auch nicht. Jedoch wurden wir bereits in frühester Kindheit darauf konditioniert moralisch zu Handeln und Schuld zu empfinden, als auch andere auf ihr fehlerhaftes Verhalten hinzuweisen. Dadurch erzeugen wir einen enormen Verhaltensdruck auf jeden Einzelnen. Wer möchte schon gern nicht den Erwartungen entsprechen?

Allerdings suggerieren wir damit auch, dass nicht jeder wie es immer heißt für sein Schicksal selbst verantwortlich ist, sondern auch für das der Anderen. So viel Nächstenliebe ist nicht einmal in der Bibel anzutreffen, jedoch wird sie im Alltag an jeder Ecke eingefordert.

Aber wie wird das Individuum zur Selbstbestimmung erzogen, wenn sein Handeln eben nicht selbstbestimmt, hingegen aber von etlichen Leitfäden und Ansprüchen geprägt, funktioniert?

Wer sich ab und an die Frage stellt, ob er sich gerade frei für sein Handeln und seine Reaktion entschieden hat wird schnell merken, dass wir oftmals unterbewusst zugunsten gesellschaftlicher Zwänge in Form von Verhaltenszwängen reagieren.  Sich dem zu entziehen bedeutet gleichzeitig, die Konsequenzen zu tragen. Die volle Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Davor graut es den meisten, auch mir manchmal. Aber Integrität ist anders nicht zu erreichen.

Auch moralische Integrität nicht.

Photo by Greg Raines on Unsplash