CAUSA ULMEN – altes Problem, neue Technik.
Der Fall Collien Fernandez zeigt, wie wenig die Gesellschaft über digitale Gewalt gegen Frauen* weiß – oder gewissenhaft totschweigt. Die Problematik deepfake ist neu, die Technik ist noch nicht lange auf dem Markt. Das Problem sexualisierte Bildmontagen und Fakebilder hingegen ist alt. Viele Betroffene, vor allem Frauen und Kinder, leiden seit Jahrzehnten unter der sexualisierten digitalen Gewalt – die ähnliche Konsequenzen wie analoge Gewalt zeigt. Auf die Betroffenen beginnt eine Sex-Hetz-Jagd, sie werden zu Freiwild erklärt. Viele müssen ihr Zuhause verlassen, umziehen und manchmal sogar eine neue Identität annehmen. Pornografie ist auch in unserer Gesellschaft weiterhin mit Scham und Obszönität stigmatisiert – Betroffene werden geächtet und herabgewürdigt. Frauen müssen sich vom digitalen Mob als Schlampe, Hure und Nutte beschimpfen lassen und kriegen nicht selten tausendfach Vergewaltigungsfantasien über alle Kanäle zugeschickt – und Morddrohungen. Betroffene werden zudem nicht selten Opfer von Stalking. Eine Spirale aus Gewaltfantasien und Demütigung, die für die Betroffenen nur schwer zu durchbrechen ist, da in Deutschland im Gegensatz zu Spanien und Italien, die Gesetzeslage mehr als ausbaufähig ist. Deepfakes zurückzuholen ist quasi unmöglich – das Internet vergisst nicht – und angemessene Strafen für Täter gibt es nicht.
Der Fall Ulmen hat die Problematik in einem besonders abstoßenden Ausmaß aufgezeigt. Zehn Jahre lang soll Colliens mittlerweile Ex-Ehemann im Namen seiner Frau Social Media Profile erstellt und Bekannte, Freunde als auch Arbeitskollegen mit erstellten deepnudes und auch -videos seiner Frau versucht haben, zu einer Affäre zu überreden. In ihrem Namen (und Stimme) soll neben Sex-Chats auch Telefonsex stattgefunden haben. Freunde der Moderatorin hatten sie darauf hingewiesen, dass ein Social Media Profil in ihrem Namen sexualisierte Nachrichten schreibt sowie pornografische Aufnahmen, die Collien zeigen, verschickt. Dass es sich hierbei um den eigenen Ehemann der Betroffenen handelt, der sich anscheinend 10 Jahre lang jeden Tag aufs Neue dazu entschieden hat, Täter zu sein und sogar nicht davor zurückscheute gemeinsame Freunde und Arbeitskollegen zu kontaktieren, macht das Ganze so unberechenbar. Zugegeben, mein erster spontaner Gedanke, nachdem ich das gelesen hatte, war „Was für ein empathieloser, skrupelloser Mensch, was für ein Soziopath, muss MANN sein, um so etwas über so einen langen Zeitraum durchzuziehen?“
Dass das Problem digitale sexualisierte Gewalt gegen Frauen* kein neues Problem ist, habe ich eingangs bereits erwähnt. Wir leben in einem patriarchalen System, das Täter erzieht und schützt. Meine eigene Geschichte ist der Beleg dafür, denn ich war erst 16 Jahre alt, als mir meine Klassenkameraden erzählten, dass sie sich regelmäßig bei einem Jungen aus der Stufe trafen, um gemeinsam zu masturbieren. Warum sie mir das erzählten? Weil die gemeinsamen WiXX-Vorlagen, die die Innenseite seines Kleiderschranks zierten, Bildmontagen waren, die nackte Frauenkörper mit meinem Gesicht zeigten. Die Bilder hatten sie aus meinem Social Media Profilen. Das ist 20 Jahre her – ICQ & SchülerVZ. Es gab sogar ein, der Zeit geschuldet, ziemlich schlechtes Porno-Video, indem ebenfalls mein Gesicht zu sehen war. Während meine nudes noch als fake zu entlarven waren, sind es die deepnudes und -fakes von Collien Fernandez‘ nicht.
In den letzten Tagen drehte sich alles um die Causa Ulmen, selbst die Politik reagierte ungewohnt schnell und bereits Sonntagabend hatte Ministern Hubig angekündigt schnellstmöglich einen Gesetzesentwurf vorzulegen. Am Dienstagnachmittag kam dann die Meldung, dass die Ersteller von sexualisierten deepfakes zukünftig mit zwei Jahren Haft bestraft werden können. Eine freudige Meldung, mit einem faden Beigeschmack, da es wieder mal einen prominenten Fall gebraucht hat, um ein Problem anzugehen, unter dem tausende Frauen seit Jahrzehnten gelitten haben. Inwiefern die neuen Gesetze wirklich dazu führen, dass Deutschland zukünftig kein Täterparadies mehr ist, wird sich zeigen. Spanien ist schon lange Vorbild, wenn es um Gewaltschutz von Frauen geht. Digitale Gewalt wird hier durch geschulte Gerichte betreut und die Betroffenen ernstgenommen. Etwas, das in Deutschland nicht selbstverständlich ist. Weder bei Stalking noch sexuellen Übergriffen, geschweige denn bei digitaler Gewalt. Betroffene berichten immer wieder, wie sie weggeschickt oder ihre Ängste relativiert wurden.
Aber auch hier gilt wie immer, dass es weitaus wichtiger und zielführender wäre die Ursache und nicht die Symptome zu bekämpfen - wie bei einer Grippe. Wieso sollen wir erst warten, bis Männer zu Tätern werden, wobei wir sie durch patriarchale Erzählungen unterstützen. Frauen*feindlichkeit ist tief verankert in unserer Gesellschaft und Wirtschaft, sogar im Gesundheitssystem. In einer gleichberechtigten Gesellschaft mit einer Politik, die Frauen* wirklich schützt und an ihrem Wohl interessiert ist – und es nicht lediglich für die eigene rassistische Migrationspolitik instrumentalisiert – werden Männer seltener zu Tätern. Wenn es nicht mehr normal ist, dass ein Mann einen sexistischen Witz macht und seine Kumpels drüber lachen oder peinlich berührt weggucken, schweigen; wenn es nicht mehr normal ist, dass Frauen die Hauptverantwortung für die emotionale Arbeit und Aufklärung ihres wenig reflektierten männlichen Umfeldes haben; wenn es normal ist, dass Männer ihre Fantasien für sich behalten und uns nicht ungefragt auf der Straße hinterherrufen oder in den Posteingang knallen; wenn es normal ist, dass Frauen* sich auch nachts frei bewegen und bestimmte Orte nicht meiden müssen; wenn… dann haben wir einen wirklichen Fortschritt für die Sicherheit von Frauen* geleistet.