Monogames Single-Dasein: Sind Affären die neuen Beziehungen?

Was macht eigentlich eine Affäre aus? Affäre: in dem Begriff schwingt Kurzlebigkeit mit, zumindest ist es das, was mir als erstes in den Sinn kommt, wenn ich dieses Wort höre. Laut Wikipedia wird das Wort Affäre im Deutschen in verschiedenen Bedeutungen gebraucht. Zum einen bezeichnet es einen öffentlichen Skandal, also verwerfliche Machenschaften beziehungsweise Versagen größeren Ausmaßes in Politik, Verwaltung, Wirtschaft oder Medien, zum anderen ein Liebesabenteuer. In der Liebe stellt sie ein Abenteuer da, in der Öffentlichkeit einen Skandal.

Wie passend,

…denn sobald eine Liebesaffäre öffentlich wird, lässt der Aufruhr auch hier nicht lange auf sich warten. Beispiele gibt es genug: seien es die Clintons, oder Brad Pitt. Irgendwer vögelt immer fremd. Warum auch nicht, mein Gott. Das nächste Mal nur besser nicht fremd, sondern vertraut. Aufbauend auf Vertrauen, denn der eigene Partner steckt meistens mehr weg, als man ihm im Vorhinein zugestehen möchte. Egal, zurück zum Thema. Affären erfüllen also lediglich den Zweck eines Abenteuers und bringen demnach keine Verpflichtungen mit sich.

Eigentlich.

Aber auch hier sieht die Realität mittlerweile anders aus. Generation Y als auch Generation Z scheinen eine andere Auffassung von der im alten Dichtertum oftmals süß-verspielt beschriebenen Liaison zu haben: keine Verpflichtungen, aber dafür Erwartungen. Diese Annahme ist das Resultat meiner Beobachtungen der letzten 2,5 Jahre. Seit genau dieser Zeit lebe ich in einer offenen Beziehung und habe mich infolgedessen mit dem Thema Dating nicht nur aus meiner Sicht, sondern auch aus der Sicht meines Partners – der männlichen – auseinandergesetzt. Und dabei ist mir, wie bereits vor längerem ausführlich geschildert (Dating Life of a Bisexual), aufgefallen, dass mein Freund wirklich eine andere Ausgangsposition zu haben scheint.

Eine verdammt zehrende,

…denn: Frauen wollen (zumeist) umworben und im besten Fall erobert werden. Ach ja, und die Nummer 1 sein. Da mein Partner und ich uns darauf geeinigt haben, einander nicht zu verschweigen und bereits zu Beginn mit offenen Karten zu spielen, bleibt meine Existenz auch nicht lange unsichtbar. Die meisten Frauen ziehen sich an dieser Stelle bereits zurück. Natürlich wollen sie keine Beziehung und einfach nur was Lockeres, genauer gesagt: sie suchen gar nichts. Alles kann – nichts muss. Jaja, manchmal wirkt es eher andersherum. Auf die Frage meines Partners, warum genau sie sich keine sporadischen Schäferstündchen mit ihm vorstellen können, kommt prompt die Antwort: „Ich will nicht teilen - vor allem nicht, wenn ich jemanden mag.“

Aha. Ansprüche: Exklusivrecht.

Aber auf der Suche nach einer (monogamen) Beziehung, die ja als „einziges“ Konzept diesen Anspruch inkludiert, sind sie laut eigenen Aussagen nicht.

Paradox. Ernüchternd. Nervt.

Also, was genau soll es denn dann werden? Eine Affäre ohne Besitzansprüche und Beziehungsverpflichtungen, ab und an mal sehen und eine entspannte gemeinsame Zeit haben, nicht wirklich im Leben des anderen präsent sein, aber trotzdem darauf verzichten, weitere Menschen zu treffen, obwohl es der/die andere eh nicht mitbekommt oder betrifft, zumal es einfach keinen gemeinsamem Alltag gibt?! Klingt unglaublich anstrengend und vor allem: seltsam.

Worum geht es hierbei eigentlich wirklich?

Mir schießt als erstes die Frage nach dem Selbstwert des Gegenübers in den Kopf: bin ich hierfür jetzt fortan verantwortlich? Wenn alle Affären zukünftig so gehandhabt werden, sind es dann nicht einfach nur ernüchternde Beziehungen? Die den Sex in den Vordergrund stellen, indem sie sich Exklusivität wünschen, aber den Alltag bestreitet jeder für sich allein? Ist es die Angst vor Geschlechtskrankheiten? Ist es die heimliche Hoffnung, aus der Affäre könnte über kurz oder lang ja doch noch eine Beziehung entstehen oder tiefe Zuneigung wachsen?

Wahrscheinlich.

„Die Hoffnung auf Mehr“ – das kann man/frau wirklich niemandem verübeln. Trotzdem wäre ein gewisses Maß an Selbstreflexion als auch der eigenen Ansprüche an dieser Stelle äußerst wünschenswert. Schließlich kann es auch etwas Wundervolles sein, Dinge einfach mal auf sich zukommen zu lassen und nicht gleich zu Beginn jeden Funken Leidenschaft in ein erwartungsgeschwängertes Gerüst zu stecken oder tot zu labeln.

Vielleicht kommt an dieser Stelle aber auch etwas ganz anderes zum Vorschein: Die Suche nach Nähe. Nähe und Verbindung, denn die scheint einigen von uns zu fehlen. Obwohl wir im Alltag ständig connected sind, fühlen wir uns trotzdem nicht verbunden – zumindest ist die Verbindung manchmal gestört. Es fiel den Menschen selten so schwer allein zu sein, wie auch: digitaler Input und die Beschleunigung des Alltags geben der Seele wenig Zeit, um Frieden zu finden; im Gleichgewicht zu bleiben.

Es wäre voreilig zu sagen,

…dass die Generation Y oder auch Generation Z lediglich kleine verwöhnte Narzissten sind, die einfach nie gelernt haben zu teilen und denken, sie hätten ein Anrecht auf alles. Preis? Nichts. Denn die talentierten Alleskönner haben zudem auch alle Chancen dieser Welt – jede Tür steht ihnen offen. Ein Credo, das bestimmt einigen von uns öfters aufs Brot geschmiert wurde. Trotzdem wäre es etwas einfach zu behaupten, dass das allein für unsere neue Art „zu lieben“ und „Beziehungen zu führen“ ausschlaggebend ist.  Meiner Meinung nach ist es die Entfremdung des Individuums von seinen persönlichen Bedürfnissen.

Warum sonst, würde ich auf die Idee kommen, von einem fremden Mann, der mir auf Tinder begegnet und von seiner offenen Beziehung erzählt, zu erwarten, dass er sich allein auf mich konzentriert, obwohl ich im gleichen Satz jegliche Verpflichtungen, die ja nun mal eine exklusive Beziehung mit sich bringt, ablehne? Klingt das nicht einfach nur bequem und kurzsichtig?

Komfortzone at its best.

Bild: Julia Haack

Erschienen in:

Im gegenteil! Liebe oder was?, 01.07.2019

“Monogames Single-Dasein und die Suche nach Nähe: Sind Affairen die neuen Beziehungen?”