Gut und Böse: So einfach und doch so verkehrt.

Schwarz und Weiß. Gut und Böse. Ein Antagonismus, der uns bereits in frühester Kindheit immer wieder begegnet. Kleinkindliche Erzählungen, als auch Märchen suggerieren dem kleinen unschuldigen Wesen bereits früh, dass es in der Welt alles andere als ewig heiter zugeht. Die böse Hexe, die gute Fee, der smarte Prinz, das schreckliche Biest, die schöne Prinzessin, die eifersüchtige Stiefmutter… all diese Charaktere erscheinen immer wieder in der frühen Kindheit. Auch Video- und Computerspiele schaffen ein Bild einer zweischneidigen Wirklichkeit, die fortwährend zugunsten des Guten in Balance gehalten werden muss. Natürlich ist es wichtig gerade dem Kleinkind bewusst zu machen, dass es vorsichtig sein muss und nicht jeder sein bestes will. Aber muss der Böse immer gleich sterben? Die Hexe verbrannte im Ofen, das Biest wurde durch einen Todesstoß ins Herz getötet, die eifersüchtige Stiefmutter verwandelte sich meist in ein hässliches Tier und die schöne Prinzessin durfte zusammen mit ihrem smarten Prinzen glücklich bis an ihr Lebensende – monogam – leben.

In Computer- und Videospielen ist das Kind sogar letztlich selbst für den Tod des Bösewichts verantwortlich, auch wenn seine Waffe hierbei bloß einer Tastenkombination entspricht. Aber die Botschaft ist klar: das Böse hat keinen Platz hier auf dieser Welt. Das Böse muss am Ende sterben. Es gibt keinen Kompromiss außer den Tod. Eine zweite Chance bekommt es nicht. Das Böse bleibt nun mal Böse. Ist doch klar. Zustände stagnieren. Nichts verändert sich. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Einfach. Einfach und falsch.

Warum konditionieren wir das Individuum bereits früh darauf, jemanden/etwas für seine Andersartigkeit zu bestrafen? Warum legen wir den Fokus nicht darauf, Empathie zu empfinden und den Tod abzuwenden? Zugegeben: es ist schon verwirrend. Unsere Rechtsprechung kennt kaum ein höheres Strafmaß, als das für Mord, aber Kindern bringen wir bei, dass jeder der einem oder anderen was Böses will, den Tod verdient hat? Den Mörder mit dem Tod bestrafen. In den USA und weiteren Ländern ein gängiges Mittel, trotzdem polarisiert kaum ein Thema mehr. Wie kann ich jemanden für sein Handeln verurteilen, indem ich ihm das gleiche antue? Klingt das nicht heuchlerisch? Natürlich muss man auch hier wieder Dritte schützen, vor allem Kinder, die besonders hilflos sind. Aber geht es hierbei nicht um Moral und Ethik?

Wie will die Gesellschaft das Individuum zu einem moralisch und ethisch einwandfreien Wesen erziehen, wenn es eben dieses ständig mit moralisch und ethisch inkorrektem Verhalten bombardiert? Ja, im wahrsten Sinne des Wortes „bombardiert“. Wir wundern uns, dass es mittlerweile einem Kavaliersdelikt ähnelt eine Rettungsgasse zu bilden und dem schwer verletzten Opfer kein Smartphone ins Gesicht zu halten. Wieso wundert uns das? Die Medien sind schließlich das perfekte Vorbild, wenn es darum geht, Entsetzliches in Szene zu setzen und auch dem empfindlichsten Leser unter die Nase zu reiben. Obwohl es das Böse zu besiegen gilt, taucht es ständig in unserer Nachrichtenlandschaft, als auch in Filmen, Serien und selbst in Gute-Nacht-Geschichten auf?

Splatter-, Horrorfilme und Thriller. Alles Beispiele für die grausamsten Auswüchse menschlicher Fantasien. Nichts scheint blutig oder ekelhaft genug… wo soll das hinführen? Mich persönlich würde es nicht wundern, wenn nicht der ein oder andere Streifen bereits zum Vorbild für durchgeknallte Psychopathen wurde, die sich vielleicht noch nicht sicher waren, wie genau sie ihr Opfer jetzt in Streifen schneiden. Manchmal wirkt es so, als wäre die stete Anwesenheit des Bösen und schlechten auf der Welt, der reine Versuch das Individuum in Lauerstellung zu halten. Angst lähmt.

 Das Alltagsgeschäft des Bösen

Was wir in diesem Kontext oftmals vergessen: Psychopathie ist keineswegs eine Störung, die bloß Mörder und das schreckliche Biest oder die böse Hexe betrifft. Nein, auch im Alltag trifft man diese äußerste Form einer antisozialen Persönlichkeitsstörung immer wieder an. Meistens ohne es zu wissen. Aber auch diese Menschen haben einen Platz in unserer Gesellschaft. Die Frage ist eher, wie die Gesellschaft mit solchen „Sonderformen menschlichen Verhaltens“ umgeht. Auch ein Psychopath kann durchaus erfolgreich sein in dem was er tut. Und ich rede jetzt nicht von Menschenquälerei. Im Gegenteil: die Gesellschaft ist auch auf diese Persönlichkeitsform in bestimmten Bereichen angewiesen. Broker, Manager, professionelle Spieler… alles Berufungen in denen ein hohes Maß an Risikobereitschaft gefordert wird. Auch eine aggressive Unternehmenspolitik lässt sich nicht ohne einen aktiven Aggressor durchsetzen. Schon mal darüber nachgedacht?

Autismus ist ein weiteres Beispiel. Für viele Menschen stellt Autismus eine Andersartigkeit dar, mit der sie nur schwer in Kontakt beziehungsweise auf einen grünen Zweig kommen. Dabei haben gerade Autisten, da sie oftmals mit sogenannten Inselbegabungen ausgestattet sind, einen besonders hohen IQ und außerordentlich talentiert in ihrem Gebiet. Leider zum Nachteil ihrer sozialen Fähigkeiten, was sie wiederum unzugänglich für die Gesellschaft macht und somit ausgrenzt. Interessant ist an dieser Stelle, dass gerade im Bereich Mathematik, Technologie & Software besonders viele Autisten zu finden sind. Beispiele hierfür wären u.a. der britische Hacker Gary Mc Kinnon, der sich in die Rechner der NASA, US-Army und des Pentagon Zugang verschaffte, um nach Beweisen für außerirdisches Leben zu suchen. Auch Adrian Lamo ist ein Hacker mit Asperger-Syndrom, der die Firmennetze der New York Times, Yahoo! und Microsoft knackte. Sind Autisten also die eigentlichen „Helden“? Zugegeben: gefährliche Helden.

Aber für wen? Richtig, für Regierungen und Institutionen. Sicherheitsnetzwerke erscheinen auf einmal gar nicht mehr so sicher. Also maßregeln wir auch diese Menschen mit drakonischen Strafen (Mc Kinnon drohen bei Einreise in/Auslieferung an die USA immerhin 70 Jahre Haft) und sperren sie lieber weg, als dass wir ihr außerordentliches Talent weiter fördern und für das „Gute“ nutzen. Interessanterweise stehen auch Albert Einstein und Mozart unter Verdacht autistisch veranlagt gewesen zu sein. Ein Beweis lässt sich post-mortem nicht erbringen, aber die Anzeichen sprechen dafür. Wie wäre unser Verständnis von Mathematik und Physik ohne Albert Einstein heute? Was wäre die Musikgeschichte ohne Wolfgang Amadeus Mozart? Was ich eigentlich damit sagen will: auch Andersartigkeiten können etwas unfassbar Wertvolles sein.

Besondere Begabungen müssen besonders gefördert werden.

Es wird Zeit, dass die „offene“ Gesellschaft sich wirklich offen zeigt und alte Denk- sowie Wertemuster beerdigt. Es wird Zeit, eine Gesellschaft zu konstruieren, die auf Verständnis und wirklicher Nächstenliebe beruht. Indem man Kindern verständlich macht, dass es kein „normal“ gibt. Handlungen entstehen situationsbedingt. Gute wie Schlechte. Wichtig ist es, die Motivation dahinter zu erkennen und zu verstehen. Auch der Vergewaltiger von nebenan, vergeht sich in den seltensten Fällen an Frauen, weil er ein ausgeglichenes, zufriedenes Leben führt. Pädophile leiden meist ein leben lang unter ihrer „Störung“, viel mehr noch unter der gesellschaftlichen Stigmatisierung. Mörder waren auch einmal unschuldige Kinder, denen mit großer Sicherheit viel Schlechte und Unrechtes wiederfahren ist, weswegen sie auf einmal gegen ihre Natur handeln und sich an Dritten vergreifen.

Wie gesagt: der ein oder andere hat sich seine Inspiration mit Sicherheit aus Film- und Fernsehen geholt. Amokläufer sind ein weiteres Beispiel für die gefährliche Inspiration, die der Elektrofachmarkt um die Ecke nebenbei im Tagesgeschäft vertickt. Natürlich war das nicht bei allen Amokläufern der Katalysator, aber es gibt dokumentierte Fälle, wo das grausame Spektakel definitiv aufgrund von Ballerspielen heraus provoziert wurde.

Letztlich ist es entscheidend wie die Gesellschaft mit solchen Formen antisozialer Störungen umgeht. Menschen, die sich eh schon unverstanden fühlen, mundtot zu machen oder wegzusperren ist definitiv der falsche Weg. Wie kann man es jemandem verübeln, der ein Leben lang mit sich selbst und der Gesellschaft zu kämpfen hat, dass er irgendwann durchdreht und eben dieser Gesellschaft etwas Böses antut?! Haben wir das Böse nicht vielleicht selbst kreiert?

Nein, das wäre falsch. Störungen können angeboren sein, da kann auch die Gesellschaft nichts für. Aber welchen Raum das „gestörte“ Individuum bekommt, um sich trotzdem ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, liegt dann letztlich doch in der (Nicht-)Akzeptanz seines Umfelds und institutioneller Strukturen.

Und somit auch dessen Auswüchse.

Photo by Hans Krum (Instagram: hans_krum)