Gedanken zum CSD-Attentat
Morgen ist es bereits eine Woche her. Vor einer Woche hat ein islamistisches Attentat auf die queere Community gegen 22Uhr am Tiergarten stattgefunden. 29 Verletzte, eine Tote. Erst fuhr der Täter mit einem Lieferwagen in die Menge, bis ein Baum das Auto stoppte und der Täter zu Fuß bewaffnet mit einer Machete auf die Besucher:innen losging. Evakuierung, zum Glück keine Massenpanik. Danke an alle Einsatz- und Rettungskräfte sowie das Team vom CSD – das war eine unfassbare Leistung in einem unfassbar schrecklichen Moment.
Jetzt könnte man den Fokus auf die Tote und Verletzten legen; der queeren Community seine Solidarität erweisen; Hilfe anbieten; Ally sein… oder man lässt keine 12 Stunden ins Land ziehen und schon dreht sich alles um die „linke verblendete Migrationspolitik, die den Islamisten den roten Teppich ausrollt“. Das macht, soweit ich weiß, lediglich Dobrindt, wenn er die Taliban empfängt – aber nun gut.
Zahlreiche Emails und DMs (nicht nur) in meinem Posteingang, von Moslems, von Nazis von besorgten Bürger:innen. Alle sagen sie das gleiche. „Selber schuld!“ Und ich frage mich: Wie verroht und leer muss die eigene Seele sein, wenn das die Reaktion nach so einem grausamen Ereignis ist?
An der Stelle einmal ganz liebe Grüße an Uschi, die sich immerhin die Zeit genommen hat, eine seitenlange E-Mail zu tippen, in der sie unsere Community zur Reflexion anregen will. „Kann es sein, dass ihr über eure sexuelle Orientierung eure Persönlichkeit definiert, und reine Nabelschau betreibt anstatt die Freiheit in unserem Land (Welche genau? Welche?) zu genießen? Kann es sein, dass manche sich daran sogar finanziell bereichern?“ – Nein, Uschi, so läuft das nicht. Die Rechnung funktioniert anders: wie wir Samstag recht eindrücklich gesehen haben, sind wir es, die am Ende zahlen, und zwar mit UNSEREM LEBEN.
Ach ja, und ich möchte natürlich auch die Moslems erwähnen, die mir schrieben, dass unsere „kranke Party jetzt die Konsequenzen tragen muss“ und dass sie das alles bereits wussten, weil sie „ja den Islam kennen“. Sich queerfeindlich über Queerfeindlichkeit zu äußern, dass muss MANN auch erstmal schaffen – CHAPEAU! Du hast mich überzeugt. Wolltest du das?
Unsere Community erfährt Hass und Hetze seit… immer! Für uns ist das nichts Neues, für uns kommt dieses Attentat nicht komplett unerwartet, für uns braucht ihr den Hass aus Kommentarspalten nicht zu reposten. Wir sind uns dessen mehr als bewusst.
Was wir jetzt wirklich brauchen, ist echte Solidarität. Keine Schuldzuweisungen, keine rassistischen Scheindebatten, keine Heuchelei (GaLiGrü an Fritze). Wir brauchen mehr Geld für Antidiskriminierungs-, Extremismus-Präventions- und Deradikalisierungsprogramme. Wir brauchen mehr Geld für queere Jugendverbände und Förderprogramme wie „Demokratie leben!“. Wir brauchen eine Regierung, die den Schutz von queerem Leben ernst nimmt!
Ernsthaftigkeit, das ist etwas, was ich allgemein in vielen Debatten vermisse. Um was geht es hier gerade wirklich? Es geht darum, dass sich immer mehr Menschen jeden Tag bedroht und von der Regierung im Stich gelassen fühlen. Es geht darum, dass wir uns in Schuldzuweisungen und Scheindebatten ergehen, die am Ende zu nichts führen, außer noch mehr verhärtete Fronten, noch mehr Verrohung.