Nadine Primo

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Verblendet auf den ersten Blick: der PlacEso-Effekt.

"Seelenverwandtschaft gibt es nicht. Das ist die esoterische Variante von Platons Kugelmenschen.“

sagt Christian Thiel, Buchautor und Beziehungsratgeber („Generation beziehungsstark“).[1]

Wer kennt es nicht: anfängliche Begeisterung, die alsbald in Verbitterung umschlägt und einen mit verwirrten Gedanken zurücklässt. Vielleicht ist das Problem aber schon die Annahme von Vorneherein, dass man sich schon ewig zu kennen scheint, weil einen in dem Moment, die gleichen Themen verbinden. Das ist eine Illusion.

Wir vergessen manchmal, dass Gegensätze sich anziehen und aus Kooperation Synergien entstehen, die förderlich sind, weil sie Wachstum ermöglichen oder vorantreiben. Vielleicht verstehen wir uns ja gerade deswegen so gut, weil wir zum Teil gegensätzlich sind und uns dadurch wiederum perfekt ergänzen. Könnte doch sein, zumindest empfinde ich es als widersprüchlich, dass Verbindungen, die raketenmäßig starten und ebenso fragil wie belebend sind, oftmals ein schnelles Ende finden, einen Absturz erleiden.

Psychologe Hans-Werner Bierhoff beschreibt die anfänglich verzerrte Wahrnehmung um Rausch der Verliebtheit wie folgt: „Objektive Gemeinsamkeiten werden durch die subjektive Wahrnehmung potenziert und eingeordnet. Es entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. […] Dabei wurde festgestellt, dass die wahrgenommene Ähnlichkeit der Partner häufig viel ausgeprägter ist als die tatsächlichen Ähnlichkeiten, also die objektive Realität. Die eingebildete Seelenverwandtschaft hilft dabei, sich gut zu fühlen. Denn man fühlt sich dadurch verstanden und bestätigt."[2]

 

„Unglaublich, wir sind uns so ähnlich. Wir sind Seelenverwandte.“

… nicht allzu lange Zeit später …

„Boah, krass. Wie konnte ich mich so irren, wir sind total verschieden.“

 

Auf einmal versteht man den:die andere:n nicht mehr. Auf einmal ergibt nichts mehr Sinn, was er:sie sagt. Wie können auf einmal so viele Fragezeichen an der Stelle stehen, wo vorher noch Ausrufezeichen waren? Laut Verhaltensforscherin Van Edwards gibt es die sogenannte "soulmate trap" (die Seelenverwandten-Falle). Menschen, die an Seelenverwandte glauben, tendieren wohl dazu, kurze, intensive Beziehungen zu haben, da sie schnell frustriert sind, wenn etwas schiefläuft und sich dann eher einen neuen Partner suchen.[3]

Vielleicht, weil allein die Aussage „es kommt mir so vor, als würden wir uns schon ewig kennen“ die Tatsache impliziert, dass es uns nur so vorkommt – aber nun mal nicht so ist. Was uns vorher geeint hat, steht auf einmal zwischen uns. Dabei waren wir vorher vielleicht einfach nur bereit, den:die andere:n vorurteilsfrei und mit Wohlwollen zu betrachten … neugierig, aber ohne eine spezifische Erwartungshaltung. Vielleicht wollten wir uns gemeinsam vom Leben überraschen lassen.

Es gibt die "Destiny Believers" und die "Growth Believers". Erstere haben die Einstellung, dass ihr Partner vom Schicksal vorherbestimmt ist und es "den Richtigen" gibt, den perfekten Partner. […] "Growth Believers" hingegen sind laut Van Edwards davon überzeugt, dass Beziehungen viel Arbeit und Kompromissbereitschaft benötigen und man über gemeinsame Erfahrungen in der Beziehung zueinander findet. […][4] Demnach hat der Glaube an Seelenverwandtschaft in erster Linie sehr viel mit unseren eigenen Vorstellungen von Beziehungen zu tun.

Wenn der Moment kommt, in dem wir uns abgelehnt oder falsch verstanden fühlen, suchen wir den Fehler nicht unbedingt zuerst bei uns, aber bei unserem Gegenüber. Sobald der Partner aber zu stark idealisiert wird und es zu einer Diskrepanz zwischen Erwartungen und Realität kommt, kann sich das negativ auf die Beziehung auswirken.[5] Auf einmal wirkt sie nicht mehr unabhängig und selbstbewusst, sondern unnahbar und unsicher. Seine selbstbestimmte und charmante Art wirkt auf einmal kalkuliert und egozentrisch.

Dass wir im Laufe unseres Lebens ähnliche Erfahrungen machen oder in den gleichen Familien Konstellationen leben, hat nicht zwangsläufig etwas mit einer schicksalshaften Begegnung zu tun, auf die man sehnlichst gewartet hat. Ein Beispiel: In meinem Umfeld wurde die besonders krasse Verbindung und anfängliche Vertrautheit gern damit begründet, dass man die gleiche Anzahl an Geschwistern oder das gemeinsame Erleben müssen eines Scheidungskrieges der Eltern dazu reicht, dass die Verbindung einmalig, magisch und besonders tiefgründig, fast schon schicksalhaft ist.

Aber das heißt noch lange nicht, dass man jetzt das gleiche Mindset und Vorstellungen vom (gemeinsamen) Leben teilt. Vielleicht in diesem Moment, weil man sich wie eingangs erwähnt zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben, in einer besonders schweren Phase oder während vielen Umbrüchen, kennen – und lieben – gelernt hat.

Ich bin mittlerweile vorsichtig geworden, weil mir über die Jahre aufgefallen ist, dass der Schmerz, den diese Verbindungen hinterlassen oder zeitweise ausgelöst haben, gleichermaßen intensiv wie die überwältigenden Gefühle am Anfang unserer Begegnung waren.

Vielleicht ist es genau das. Es gibt sie, diese Verbindungen, die wenig verkopft, voller wertungsfreier Neugier und lebendig starten. Gemeinsam fühlen, erleben, sich verstanden fühlen und eine scheinbar zügellose Leidenschaft, die so mitreißend ist, dass man sich im Spiegelbild des Gegenübers in einem vielleicht bereits seit längerer Zeit ungekannten, fast vergessenen, Glanz erstrahlen sieht. Das kann sich magisch anfühlen… definitiv!

Ein schöner temporärer Zustand, aber mit Nebenwirkungen.

Begegnungen in Extremen – wie auf XTC.

 

 


Mehr zum Thema (Quelle):

https://www.augsburger-allgemeine.de/geld-leben/gibt-es-seelenverwandte-experten-meinungen-zu-seelenverwandtschaft-id63342146.html

Foto: Marco Krüger, Berlin.