Wie ich mich in der Stille wiederfand.

Es stimmt schon, dass man seine innere Stimme erst dann wirklich hört, wenn alles andere um einen herum und auch man selbst verschweigt. Erst dann ist man wirklich in der Lage, sich selbst zuzuhören. In unserem Alltag ist so eine Stille jedoch meist nicht möglich, beziehungsweise nicht erwünscht. So gut wie jeder, der meinen Weg auf den Straßen kreuzt, hat Stöpsel im Ohr oder stylische Kopfhörer auf dem Kopf. Der Eine telefoniert, der Andere hört Musik. Oder ein Hörbuch, einen Podcast – was auch immer. Hauptsache nicht aktiv das direkte Umfeld wahrnehmen. Auch der Blick ist meistens auf das Smartphone gesenkt oder verträumt in den Himmel gewandt.

Mein Weg führte mich in ein Meditationscenter, dass von Nonnen aus dem nahe liegenden Kloster betrieben wurde. Hier sollte ich 5 Tage verbringen und gleich zu Beginn fühlte ich mich zwar nicht direkt wie Zuhause, jedoch irgendwie auch nicht fremd. Die Nonnen waren sehr freundlich. Autoritär aber dennoch warmherzig. Der erste Abend startete mit einer traditionellen Neujahrszeremonie inklusive Mönchsgesängen im naheliegenden Kloster. Der gesamte Komplex befand sich in einem Felsen verbaut und der Auf-, bzw. Abstieg zu den verschiedenen Gemeinschaftshäusern und der Mediationshalle war genau so wild und naturbelassen, wie das Gesamtbild des Dorfes. Hier war noch nicht viel vom Tourismus angekommen.

Authentizität.

Bei einem Spaziergang durch den Dschungel um das Kloster traf ich auf Einheimische, die ihre Wäsche im Fluss wuschen oder auf den naheliegenden kleinen Reisfeldern arbeiteten. Auch befanden sich dort weitere Felsen und sogenannten „Caves“, die jeweils einen Tempel beinhalteten und zu einer Klosterschule für junge Mönche gehörte. So bekam ich auch eine Privatführung in einen, fernab von jeder touristischen Sehenswürdigkeit liegenden Tempel, der mir letztlich am originalgetreuesten schien. Und glaubt mir, ich habe verdammt viele Tempel und Höhlen im letzten Jahr gesehen. Am Ende ist es doch irgendwie immer das gleiche.

10 Stunden Meditation am Tag, ab mittags kein Essen mehr. Danach nur noch Tee. Um 5Uhr morgens begannen die Mönche zu singen, dann war es mit der Nachtruhe vorbei. Nachtruhe gab es eigentlich nicht wirklich, weil die Straßenhunde gefühlt jede Nacht den Mond um die Wette anheulten. Ohrstöpsel Olee. Man musste sich eigentlich um nichts kümmern, man hatte schließlich seinen festen Tagesablauf. Meditation, Breakfast, Dhamma-Talk, Meditation, Lunch, Break, Walking Meditation, Tea, Meditation, Tea, Group Sitting/Lesson, Meditation. Geredet wurde nicht und Handys sowie eigene Bücher und Musik waren nicht erlaubt. Es gab genügend buddhistische Literatur und Dhamma-Philosophie in verschiedenen Sprachen. Auch Deutsch. Mein Zimmer war schön, es gehörte eigentlich einer Nonne. Ein Bücherregal, ein Schreibtisch, ein Bett und eine kleine Meditationsecke durfte ich in der Zeit mein Eigen nennen. Die Aussicht vom Schreibtisch war phänomenal, denn das Center lag auf einem Berg mit Blick über den Dschungel.

Einige Stunden habe ich mit Büchern – natürlich – und Collegeblock ausgestattet – oldschool – dort gesessen und nachgedacht. Gelesen und geschrieben. Wenn man schon nicht reden darf? Ab und zu muss einfach mal was raus… zumindest ging es mir so. Außerdem bietet einem diese völlige Stille und gleichmäßige Routine inklusive der anfangs schier unendlichen Stunden an Meditation genug Zeit, um mit dir selbst zu sein. Aber in der Pause oder nachts, wenn ich nicht schlafen konnte – Klassiker – saß ich am Schreibtisch und las buddhistische Literatur. Ich glaub es waren am Ende fast 3 Bücher. Zugegeben, nicht die umfangreichsten Werke.

Auf körperlicher Ebene war es eine kräftezehrende Erfahrung für mich. Das lag aber an den Umständen. Zum einen bin ich direkt vom Flughafen mit einem ordentlichen Jetlag in diese schweigende Erfahrung gestartet und zum anderen vertrug ich das Essen im Kloster nicht wirklich. Auch wenn man durch das ganze meditieren echt nicht viel Energie verbraucht, aber das Klima auf Sri Lanka war zu Neujahr echt eine Herausforderung. 30 Grad und 70% Luftfeuchtigkeit. Aber gut. Darüber will ich mich im Nachhinein echt nicht beschweren.

Schweigen im Dschungel.

Wenn man auch sonst gern beobachtet, ist so ein Szenario natürlich die perfekte Kulisse. Durch das Schweigen bedingt, findet die soziale Interaktion hauptsächlich über Blickkontakt statt. Wir waren eine Gruppe von zu Beginn circa 18 Leuten. Westler und eine Einheimische, eine Freundin der Nonne. Die meisten in meinem Alter, ein paar Mitvierziger und zwei ältere Herrschaften. Irgendwann fühlte sich die Gruppe sehr vertraut an. Gleich zu Beginn der Gruppensitzungen oder Meditationen fiel einem auf, wenn jemand fehlte. Beim Essen nahm irgendwann jeder wie selbstverständlich den gleichen Platz ein oder suchte in der Pause die gleichen Orte rund um die Gemeinschaftshäuser und der Meditationshalle auf. Viel Zeit also zum Beobachten, wenn man mal gerade eine Pause von den eigenen Gedanken braucht.

Gerade in den ersten beiden Tagen muss ich zugeben, ist es mir schwer gefallen mich während der Mediation zu konzentrieren und vor allem zu fokussieren. Das ganze Sitzen erforderte echt viel Disziplin und mein Rücken schmerzte. Mit ein paar Tricks und Salben ging es jedoch und das Bett war immerhin bequemer als auf den ersten Blick vermutet. Aber wirklich viel Zeit habe ich dort leider nicht verbracht. Schließlich war es um halb 9, wenn sie uns in Bett schickten, gerade einmal vier Uhr nachmittags in Deutschland.

Reden ist Silber, Schweigen ist Selbstfindung.

Ab dem dritten Tag kehrte etwas mehr Ruhe in meinem Kopf ein und vor allem Walking Meditation fing an richtig gut zu funktionieren und bot eine echt entspannte Alternative für meinem vom ganzen Sitzen geschädigten Rücken. Die Gedanken wurde ruhiger, meine Aufmerksamkeit widmete sich fortan in erster Linie der malerischen Umgebung und der besonderen Atmosphäre auf dem Klosterberg. Mitten im Dschungel – gefühlt. Viel wilde exotische Tiere habe ich dort nicht gesehen, dafür aber nachts gehört. Das teilte ich zu diesem Zeitpunkt mit der Natur, auch sie war an diesem Ort nachtaktiv.

Ein paar Zitate aus dieser Zeit sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich fand sie in der buddhistischen Literatur und irgendwie stachen sie mir direkt ins Auge.

„Der letztendliche Sieg wird nicht dadurch errungen, dass wir den Körper quälen, sondern unseren Geist entwickeln.“

 „Da das Leiden aus unseren eigenen mentalen Verunreinigungen entsteht, müssen wir uns von eben diesen Verunreinigungen befreien, von unserer Gier, unserem Hass und unserer Unwissenheit; und dies erfordert tiefe innere Ehrlichkeit. Im Vordergrund [der] Analyse steht der Geist [und der Weg zu uns selbst].“[1]

Plötzlich erschienen all die rastlosen, oftmals reflektierten, meistens analysierenden Gedanken im rechten Licht. Die Suche und Entwicklung erfordert eben viel Mühe und ist daher manchmal schwierig und anspruchsvoll. Vereinigungen entstehen und vergehen. Man muss sich ihnen nur stellen. Gefiel mir direkt. Schlaflose Nächte und schier endlose Gedankenkreise waren somit legitim und keine reine Zeitverschwendung.

In der Nacht schlief ich das erste Mal seit längerem durch.

Am vierten Tag, keine Ahnung ob es an der aufkommenden Gelassenheit oder Unterzuckerung lag, fiel mir das Meditieren auf einmal leichter. Ich freute mich richtig darauf. Trotzdem entschied ich mich am nächsten Tag auszusteigen und die Erfahrung erstmal sacken zu lassen. Um Missverständnisse aufzuklären: es handelte sich hierbei nicht um einen traditionellen zehntägigen Vipassana-Aufenthalt. Es war lediglich als siebentägiger Silent-Meditation-Retreat deklariert und meine Entscheidung rührte zum größten Teil von meiner körperlichen Erschöpfung und Überforderung her. Das Meditieren habe ich den Rest der Reise beibehalten und das mehrmals täglich. Ich reiste allein und war daher oftmals auch mit mir und meinen Gedanken weiterhin allein. Die kurzen Begegnungen, die man erlebt sind in der Regel von oberflächlichen Small Talk über das Reisen geprägt und haben recht wenig mit der eigenen Gefühlslage zu tun. Bei mir zumindest. Deep Talk kann ich lange Zeit gut und gerne mit mir selbst führen.

In der letzten Nacht hatte ich noch einen offenbarungsähnlichen Traum. Eine lang verdrängte Erinnerung kam in Form einer Situation aus meinem Alltag zum Vorschein. Ich wachte schweißgebadet und weinend auf. Danach fühlte ich mich frei und irgendwie ergab auf einmal einiges einen Sinn. Ich war noch lange nicht erleuchtet aber immerhin etwas Licht war ins Dunkel gekommen. Eine scheinbar versteckte Angst, die ich nie richtig verarbeitet hatte, erklärte mir, warum ich teilweise immer noch von komischen Gefühlen des Misstrauens begleitet wurde.

Die Gefühle sind seitdem nicht wieder aufgetaucht.

Namaste.

[1] Bodhi – Der Buddha und sein Dhamma

Photo by me (Midigama, Sri Lanka)