Käufliche Liebe 2.0: Erst die Begleitung, dann der Service.

„Die Gedanken sind das Produkt einer Diskussion mit mehreren Anhängern meines männlichen Bekanntenkreises, denen der Gedanke, sich Dates mit Geld zu kaufen, in der Hoffnung am Ende des Abends gemeinsam im Bett zu landen, nicht wirklich befremdlich vorkam. Ein Besuch im Puff wiederum schon. Argument: Ich krieg so viel mehr Dates für die 100€, als ich Sex im Bordell kriegen würde. Touché… Gutes Argument – nicht. Entkräftigt zumindest nicht meine Ausgangsthese, dass ihr (liebe Männer und natürlich auch liebe Frauen) bereit seid, Geld für Sex bzw. für Dates, wobei eigentlich sogar nur „Matches“ zu zahlen. Also für etwas, was ihr schön nach alter Schule auch for free jeden Tag auf der Straße, in der Bahn, auf der Arbeit, im Club, im Park, in der Bar oder wo auch immer machen könnt. Natürlich ist der Gedanke dahinter nicht allein auf Sex zentriert, wie es im Freudenhaus der Fall ist. Käufliche Liebe eben. Wer weiß, was draus wird. Abwarten.“ (Auszug aus: Käufliche Liebe – Ist der Preis für Freiheit echte Nähe?)

Aber es sind eben nicht nur die Herren der Schöpfung,

…die neuerdings scheinbar kein Problem mit kommerzialisierten Liebesdiensten haben und deren Angebot in Anspruch nehmen. Auch in meinem weiblichen Bekanntenkreis und Umfeld hat sich ein durchaus weniger romantisches, dafür aber pragmatisches Bild etabliert, denn Escort scheint nicht länger ein Tabu-Thema zu sein – im Gegenteil. Immer mehr Frauen erzählen mir, dass sie bereits das ein oder andere Mal darüber nachgedacht haben, Kapital aus ihren Abenteuern zu schlagen. Schließlich hält sich zum einen der Mythos vom reichen Geschäftsmann, der charmant gutaussehend und gebildet um die Ecke kommt und bereit ist,  für ein wenig Abwechslung mit einer – in den meisten Vorstellungen – jüngeren, ebenfalls gutaussehenden charmanten und gebildeten Frau, viel Geld auf den Tisch zu legen und natürlich super diskret im Umgang ist. Eine win-win Situation für beide Parteien quasi.

Ganz anders als Prostitution, zumal hier ja oftmals der Gedanke mitschwingt, dass die Frau auf keinen Fall selbstbestimmt handelt und aus reiner Geldnot heraus ihre Dienste anbieten muss. Ein Begleitservice hingegen legt den Fokus ja erst einmal lediglich auf einen netten Abend zu zweit: ein Abend in Begleitung eben.

Witzig,

…wenn man bedenkt, dass die meisten Agenturen einem bereits im Vorhinein deutlich machen, wie wenig Chancen man als reine „Begleiterin“ hat. Sex sollte auf jeden Fall drin sein, da sonst weder das Geld stimmt noch die Erwartungen des Kunden befriedigt werden. Denn Escort ist letztlich nur eine „teure“ Form der Prostitution: Edel-Nutte halt. Was ein schäbiges Wort, was da alles mitschwingt. Nutte ist in unserer Gesellschaft schließlich weiterhin ein abwertender Begriff, der dazu dient, das Gegenüber zu degradieren und dessen Wert abzusprechen. Obwohl „Nutten“ immerhin einen Wert haben, zumindest einen finanziellen. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich Beträge im vierstelligen Bereich für eine Nacht bekomme. Ich schlafe auch umsonst mit Männern. Manchmal waren es Idioten, wie ich im Nachhinein festgestellt habe. Eventuell habe ich es dann auch bereut. Die Frauen, mit denen ich gesprochen habe, die einige Zeit in der Escort-Branche tätig waren konnten sich ihre Kunden vollends selbst aussuchen und im Vorhinein bei einem Essen oder Getränk auschecken, ob der Kunde für sie infrage kommt – oder eben nicht.

Kurze Anmerkung der Redaktion:

Bevor es hier zu Missverständnissen kommt: ich rede lediglich von Escort und selbstbestimmter Prostitution. Natürlich gibt es auch jede Menge andere Beispiele, die meinen Aussagen widersprechen und gerade Zwangsprostitution ist ein grausames Thema und gehört strafrechtlich verfolgt.  Wenn wir aber von Frauen ausgehen, die sich einfach dazu entschieden haben, dass sie kein Problem damit haben Geld für sexuelle Dienste entgegenzunehmen und unabhängig von irgendwelchen Schlepperbanden und Menschenhändlern ihr Geld verdienen.

Sex sells.

Das vermittelt uns die Werbung täglich. Egal, ob es um Damenrasierer oder Männerdeodorants geht. Hauptsache nackte Haut, laszive Blicke, erregte Pupillen… Aber wenn es dann wirklich zur Sache geht und Themen wie käuflicher Sex auf den Tisch kommen, werden die Uhren auf einmal zurückgestellt und wir befinden uns wieder im frühen 20sten Jahrhundert. Unverständlich, wenn man bedenkt, wie viele unschuldige potenzielle Opfer verschont wurden, allein weil es immer wieder Damen (und auch Herren!) gibt, die Spaß daran haben oder einfach bereit sind, eben diesen potenziellen Tätern, ihre Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen. Darüber hinaus will ich gar nicht wissen, wie viele Ehen allein dadurch gerettet wurden, dass Vati ab und an in den Puff gehen kann und so eine Möglichkeit hat, seine Triebe, die das (oftmals monogame) Zusammenleben unterdrückt, auszuleben.

Zurück zum Thema: 

Neuerdings scheint Escort salonfähig geworden zu sein. Es gilt – zumindest in meinem offensichtlich recht aufgeschlossenen Umfeld – als selbstbestimmt und fast schon feministisch, seinem Körper einen Preis und somit einen tatsächlichen Marktwert zu geben. Außerdem ist es natürlich besonders lässig, wenn man aus der eigenen Promiskuität noch Kapital schlagen kann. Das ganze am besten noch super anonym, dann bekommt es auch wirklich niemand mit und es bleibt letztlich bestimmt nur ein kleines verrucht-verstecktes Geheimnis im Lebenslauf. Könnte so einfach sein, ist es aber in der Realität meistens nicht. Und der erträumte smarte Geschäftsmann ist eventuell auch gar nicht mal so attraktiv… oder charmant – aber immerhin reich oder zumindest „gut betucht“, da Escort definitiv nichts für arme Leute ist.

Mal ganz davon abgesehen,

…dass gerade aufgrund der weiterhin bestehenden gesellschaftlichen Stigmatisierung dieses Berufsfelds (Ausnahmen bestätigen die Regel, I know) auch eine nicht außer Acht zulassende psychologische Komponente mitschwingt: denn einmal professionell gefickt, gibt es kein zurück.

Das erste Mal 2.0 – für Geld.

Letztlich ist das eine Entscheidung, die jeder/jede für sich selbst treffen muss. Verurteilen sollte man niemanden, der es in Erwägung zieht, seinen Körper als Ware anzubieten – so lange er oder sie es aus freien Stücken tut. Hinzu kommt, dass unsere unaufgeklärte Wissensgesellschaft sich gern progressiver gibt, als sie eigentlich ist. Das hat schon einige öffentliche Personen - Politiker, Schauspieler, was auch immer - den Ruf gekostet. Einmal ins falsche Bett gehüpft oder auf einer Party zu offenherzig geflirtet und nach dem fünften Cocktail und der zweiten Nase – huups – feucht, fröhlich im Hinterzimmer vergnügt. Gibt direkt Stress.

Sex = Leidenschaft, die Leiden schafft?

Ein weiterer Punkt, den ich gerade auf psychologischer Ebene besonders interessant finde, ist folgender: Männer, die Frauen ihre Vergangenheit/Gegenwart als Escort-Dame vorwerfen, bzw. nutzen, um sie gesellschaftlich zu degradieren und sich im Umkehrschluss mächtiger zu fühlen. Äh, sorry Männer… aber: habt ihr nicht gezahlt fürs vögeln und nicht andersherum? Gezwungen werden die Frauen in diesem Umfeld, zumindest laut meinen Recherchen und Interviews, nicht. Auch wenn die Männer zuerst an der Reihe sind, sich eine Dame ganz nach ihrem Geschmack auszuwählen, so ist es letztlich doch die Frau, die entscheidet, ob der Deal zustande kommt – oder eben nicht.

Ich bin gespannt, wie diese Entwicklung weitergehen wird.

Vor 5 Jahren bereits, las ich in der Unizeitung einen persönlichen Artikel einer anonymen Medizin-Studentin, die erzählte, wie sie sich ihr Studium mit Escort finanzierte und ihr Doppelleben vor Freunden und Familie geheim hielt. Der Bericht erschien trotzdem nicht unbedingt negativ, zumal sie auch wie eine wirklich gefestigte Frau schien, die sich ihrer Entscheidung bewusst gewesen ist und ihren Nebenjob auch mit einer gewissen Leidenschaft verfolgte. Der positive finanzielle Nebeneffekt war sicherlich auch ein ausschlaggebender Punkt hierfür, dennoch traf sie immer nur so viel Männer, wie es für einen vielleicht etwas höheren Studenten-Standard ausreichend war. Auch war es ihr wichtig herauszustellen, dass sie sich jedes Mal frei dazu entschied, die Männer in die Nacht zu begleiten – oder eben nicht.

Resilienz und Selbstbewusstsein.

Dennoch wies der abschließende Satz auch nochmal deutlich darauf hin, dass man sich letztlich für Geld vögeln lässt und sich dessen einfach bewusst sein muss. Ein klares Signal und trotz aller Lockerheit, die ich vielleicht hier und da in meinen Texten oder mit meinen Worten suggeriere, ein wichtiger Fakt, den frau im Hinterkopf behalten sollte.

Nicht nur die Gesellschaft braucht scheinbar noch ein wenig Reife, sondern der eigene Charakter muss auch ein großes Maß an Reife, Selbstreflektion und Standhaftigkeit innehaben.

Bild: Giacography