Glaube, Dating, Hoffnung: Vom Ungleichgewicht des Datingmarkts im Jahr 2019.

GASTBEITRAG VON FRAEULEIN O.

Mit jedem weiteren Swipe nach links sehe ich meine Felle davonschwimmen. Ich, das bin ich: Julia, 29 Jahre, aus Berlin, berufstätig, Fleischesserin, lesbisch. Single. Seit über zwei Jahren. Ein Blick auf meine, um qualitative Anmerkungen *räusper* bereinigte, Dating Bilanz der letzten 14 Monate enthüllt eine Zahl: 25. 25 Frauen, die ich innerhalb dieses Zeitraums gedatet habe — einige intensiver, andere weniger intensiv. Aber keine von ihnen so lange, als dass beide von uns gesagt hätten „Ich bin mega into it“.

On the bright side, und nach dem Motto „geteiltes Leid ...“,

...geht es einigen meiner lesbischen Single-Freundinnen nicht anders: Wie wild wird geliked, geswiped, ge-DMed (das ist der Hotshit auf Instagram) geaugenkontaktet in der analogen Welt (ja, die gibt es auch noch) und trotzdem möchte es nicht so richtig klappen. „Es“, das ist für mich eine Bindung, die zwei Menschen miteinander eingehen, weil sie sich zueinander hingezogen, sich füreinander bestimmt oder sonst was fühlen und nur mit diesem einen Menschen zusammen sein möchten. Dieses „Es“ ist ein Label. Und man traut es sich heutzutage im super schnelllebigen, unabhängigkeitssuchtenden Berliner Großstadtdschungel kaum noch auszusprechen, aber unsere Vorfahren pflegten dazu „Beziehung“ zu sagen. Beziehung

... ist das nicht dieser goldene Käfig, in welchem man zwangsläufig Kompromisse zuungunsten der eigenen Selbstoptimierung, sämtlicher harterarbeiteter Freiheiten und der eigenen Selbstverwirklichung eingehen muss?

Gemeinsam eine Zukunft planen (und sei es nur eine verbindliche Tischreservierung für den veganen Brunch am kommenden Sonntag mit den neuen Bekannten aus dem Kater Blau), gemeinsam neue Wege gehen, und füreinander da sein. In den letzten zwei Jahren meines aktiven Dating Lebens erwuchs der Eindruck in mir, dass ich mit meinem Wunsch, nach einer bedeutungsvollen, verbindlichen (plus 537383 andere starke Adjektive) Beziehung im Berlin des Jahres 2019 als homosexuelle Frau so ziemlich alleine dastehe. Was ist denn da eigentlich los? Ist diese schnelllebige, globale Gesellschaft, in der es uns digitale Medien und das eigene superoffene Mindset ermöglichen, Menschen zu konsumieren und mit ihnen herumzuexperimentieren Schuld daran, dass ich Single bin? Oder bin ich mit meiner Erwartungshaltung einfach nur super tradiert unterwegs? Nachfrage und Angebot im Dating Markt scheinen für mich im Ungleichgewicht.

Fangen wir mal von vorne an.

Wie lernst du als lesbische Frau in den Endzwanzigern in Berlin eine ebensolche kennen? Die Vorstellung einer ersten Begegnung durch tiefe, vertraute Blicke bei Edeka am Apfelregal ist zugegebenermaßen schön, romantisch ... wohl aber leicht an einer wahrscheinlichen Realität vorbei. Wir gehen in queere Bars, auf Frauenparties, und klar, wir tindern. Um ehrlich zu sein, finde ich über 90% meiner Dates über einschlägige Dating Apps, also online. Das ist aufgrund der hohen Verfügbarkeit und durch reines eindimensionales Bilderbewerten sowie Profiltext-Skimmings gleichermaßen effizient und einfach: Man muss sich nicht aufbrezeln (Tinder geht auch sonntagmittags mit Kater vorm Vorabend vom Klo aus), kann auch nüchtern swipen oder sonst was machen, um einen Pool an potenziellen Frauen offeriert zu bekommen.

Alle durchschnittlich 25 Swipes (magische Zahl) habe ich auf Basis der Profilanalyse dann mal eine, bei der ich sage: „Die ist likeable“, Swipe nach rechts ... Match! (Idealfall) Es wird smalltalkmäßig hin- und hergeschrieben, Fakecheck via „Hast du Insta?“, Nummerntausch, Plattformwechsel zu WhatsApp, es wird merklich intimer. „Also ich find dich echt sympathisch, hast mal Lust auf ein bis 4253 Bier nächste Woche?“ Hihi, witzig. Das 1. Date naht also. Vorher noch Abchecken der sexuellen Orientierung. Eine mir letztes Jahr selbstauferlegte, nicht immer konsequent befolgte, Regel lautet: Niemals (wieder) Bi-Frauen. Yay, es leben die Label. So. Leichter gesagt als getan, da mich Bi-Frauen optisch (und das lässt sich bei Tinder nun nicht vermeiden) häufiger meinem Typ Frau entsprechen (an der Stelle folgt keine Fortführung des Satzes durch „als Lesben, weil die meisten mir zu kerlig, öko, szenig, strange ...sind.“ Now it‘s been said, oopsy).

Okay, mein Date ist also bi. Bi, nicht auf einer Expedition, neiiin, nein, nein: Frauen haben schon immer „eine große Rolle“ in ihrem Leben gespielt, aber Erfahrungen hat sie überwiegend (d. h. ausschließlich) mit Männern gemacht. So so. Been there, done that. Nun will sie es also wissen, Frauen Dating ist angesagt. Sie ist 29, zuckersüß, intelligent, trinkt ihr Heineken-Bier auf eine leicht anzügliche Art und Weise, spielt Tischkicker, zockt PS4, hat einen zureichenden geistigen Horizont, ihre blonden Haare schimmern im Sonnenschein, und sie ist auch im Job safe (Ausblick: Karriere). Alles läuft top, man spürt eine Chemie, Anziehung, gegenseitiges Interesse am Fortführen eines Kennenlernens.

Zwei weitere Dates, die ein oder andere Intimität, dann plötzlich: der cut.

„Du bist toll und alles, ich genieß es unglaublich in deiner Nähe zu sein, aber ich kann nicht, es tut mir leid.“ Im letzten Jahr habe ich diesen Satz sinngemäß sicherlich vier Mal gehört/gelesen. Die Begründungen, die dahinter standen waren unterschiedlich und dennoch sollen sie sich im Laufe meiner weiteren Dating Karriere immer wiederholen. Da wären zum einen plötzlich bewusstwerdende emotionale Altlasten (die Altlast in dem Fall ist meist männlich). Äußert sich durch plötzlichen Eintritt der Selbstreflexion nach a) Anmelden auf Dating Plattform und aktiver Suche, b) zwei oder drei zauberhaften, mit Nähe gespickten, Dates, c) vielversprechenden Worten und Taten. Ergebnis dieser Selbstreflexion: Da wabern noch (ungeklärte) Gefühle für einen Ex-Menschen (um das Dilemma zu verstärken, auf beiden Seiten gleichermaßen) im Raum, die es im Grunde unmöglich machen, sich nun auf eine andere Person einzulassen, „aber du bist echt ein ganz wunderbarer Mensch“.

Thank you, next.

Zum anderen kommt auch gerne die Begründung zum Tragen, die mit der Ungewissheit über den Verlauf des eigenen Lebens einhergeht. Bereits vor einem realen Treffen oder auch nach mehreren Dates beschließt die Frau für sich, ein weiteres Kennenlernen auszuschließen, da sie nicht wisse, ob sie in vier Monaten überhaupt noch in Berlin wohnen würde: da gäbe es die Aussicht auf einen tollen Masterstudiengang in Südamerika, das sei eine einmalige Chance. Oder die Frau muss einfach „nochmal raus aus Deutschland“, vielleicht nach China oder Peru, oder nach Bali in ein Yoga Retreat. Innerhalb der nächsten paar Monate. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich in Kürze durch ein weiteres Kennenlernen ineinander verliebt und Bindungswünsche entstehen können, sei einfach zu groß. Das Risiko werde geschürt, sich durch die entstehende Entfernung gegenseitig die Herzen zu brechen. Also lässt man es einfach sein, cut. Ein weiterer Grund, warum „es“ gefühlt nicht klappt ist, weil sich viele auch von vornherein keine monogame Beziehung vorstellen können oder wollen.

Das Angebot als solches, gibt es nicht her, meine Nachfrage zu bedienen.

Okay, keine Beziehung ... lieber was „Superoffenes“, ABER halt meaningful und mit connection. Und evtl. poly. Und evtl. noch kinky, mit jeden Samstag ins Kitkat gehen und so. Netflixen am Tag danach und Hangover-Beseitigung mit 420 aber zusammenkuschelnd auf der Couch, und kochen auch. Quasi the best of both worlds. Warum haben Menschen heutzutage so viel Angst vor Bindungen, vor Comittment, vor verbindlicher Zweisamkeit at its best, mit allen Vor- und Nachteilen (wenn man das so benennen kann?)? Ist es die Angst, sich selbst zu starkeinschränken zu müssen? Zu viel Rücksicht auf eine andere Person nehmen zu müssen, und dafür bei den eigenen Wünschen und Zielen zurückstecken zu müssen? Ist es, weil geglaubt wird, dass an der nächsten Ecke jemand warten könnte, der noch kompatibler zur eigenen Lebensplanung ist? Oder ist es, weil der Schmerz aus vorherigen gescheiterten Beziehungen noch so tiefsitzt, dass man mit „Nicht-Beziehungen“ als Konstrukt einen Schutzmechanismus entwickelt hat, um nicht mehr verletzt zu werden? Gefühle?!

Nee, danke.

Zum Schluss bleibt die Frage stehen, wie ich in diesem Ungleichgewicht des (Berliner) Dating Markts jemals eine Partnerin finde - evtl. indem ich meine eigenen Vorstellungen adaptiere und sie eher dem Angebot anpasse, im Sinne von: Ach, was Lockeres geht für mich auch klar, no strings attached, F+ und so. Und dann mal schauen, was sich daraus entwickeln kann.

Bleibe ich mir dabei selbst treu, wenn ich mich dem gesetzten Angebot hingebe? Wird es mein Genickbruch sein, weil ich mich tief im Innern meiner Selbst dagegen sträube, weil ich weiß, dass ich über körperliche Nähe schnell Gefühle aufbaue, die dann nicht erwidert werden könnten? Oder lösche ich alle Datingapps, stoppe die proaktive Suche nach der Richtigen, und gebe mich vertrauensvoll in die Hände der Macht, die noch stärker als Tinder ist, dem Schicksal?

Vielleicht klappt es dann doch. Bei Edeka.

Am Apfelregal.

PERSPEKTIVWECHSEL

Vielen Dank an Fraeulein O. für diesen wundervollen Beitrag. Als lesbische Frau in Berlin: ein Einblick in den Dating Alltag.

Photo: Giaco Zucha