Käufliche Liebe: Ist der Preis für Freiheit echte Nähe?

Viele Freiheiten zu haben und sich für besonders viele Dinge entscheiden zu können, bedeutet im Umkehrschluss nämlich auch, sich gegen viele Dinge entscheiden und diese vorher auch noch abwägen zu müssen. Entscheidungsfreiheit – Fluch und Segen zugleich. Denkt an den Backpacking-Urlaub, denn der ist u.a. so entspannt, weil ihr, mit großer Wahrscheinlichkeit, nur ein paar wenige Sachen mit euch schleppt und daher weder viel zu überlegen noch im Endeffekt zu entscheiden habt.  Hier liegt der Fokus auf dem Tagesprogramm und nächstem Reiseziel. Dinge, die ihr aktiv erleben werdet und nicht passiv (unterbewusst) mit euch herumschleppt.

Ein weiterer interessanter Gedanke, der mir im Zuge meiner Masterarbeit, als ich mich u.a. mit der 68-er Bewegung in der BRD beschäftigte, war, dass wir heute all die Freiheiten genießen, für die sich unsere Eltern und/oder Großeltern einsetzten, sie aber nicht wirklich nutzen.

Woran liegt das?

Wir bezeichnen uns als „openminded“, feiern offene Beziehungen und jegliche Form von Konsum wird mittels sexualisierter und in erster Linie sexistischer Werbung vermarktet und dem Verbraucher breitbeinig reserviert. Damit er oder sie richtig Bock darauf bekommt und sich der Gedanke „Das muss ich haben!“, manifestiert. Oversexed and underfucked – ich kann es nicht oft genug sagen, es passt jedes Mal erneut wie die Faust aufs Auge.

Aber trotz all unserer Offenheit geht auf Tinder nicht viel mehr, als sich gegenseitig Frustrationen und enttäuschte Erwartungen hin und her zu schieben. Thanks god, there is TINDER PREMIUM. Matches for money – that’s what it’s all about. Auch die „Liebe“ hat ihren Preis. Na ja, immer schon gehabt, aber dann heißt das Prostitution und das hat in der Welt der Dating-Apps ja mal gar nichts verloren. Schließlich geht man(n) ja auch nicht in den Puff: wer zahlt denn für Sex? Wie arm ist das denn? Dann lieber Tinder Premium – 100€ für 6 Monate. Safe!

Bevor es hier jetzt allgemeine Kritik hagelt:

Die Gedanken sind das Produkt einer Diskussion mit mehreren Anhängern meines männlichen Bekanntenkreises, denen der Gedanke, sich Dates mit Geld zu kaufen, in der Hoffnung am Ende des Abends gemeinsam im Bett zu landen, nicht wirklich befremdlich vorkam. Ein Besuch im Puff wiederum schon. Argument: Ich krieg so viel mehr Dates für die 100€, als ich Sex im Bordell kriegen würde. Touché…

Gutes Argument – nicht. Entkräftigt zumindest nicht meine Ausgangsthese, dass ihr (liebe Männer und natürlich auch liebe Frauen) bereit seid, Geld für Sex bzw. für Dates, wobei eigentlich sogar nur „Matches“ zu zahlen. Also für etwas, was ihr schön nach alter Schule auch for free jeden Tag auf der Straße, in der Bahn, auf der Arbeit, im Club, im Park, in der Bar oder wo auch immer machen könnt.

Natürlich ist der Gedanke dahinter nicht allein auf Sex zentriert, wie es im Freudenhaus der Fall ist. Käufliche Liebe eben. Wer weiß, was draus wird. Abwarten. Aber ihr müsst schon zugeben, dass ein Gedanke, zumindest im ersten Moment, ist:

“Wie krieg ich mehr Matches und damit die Chance auf mehr Sex…?”

Für die große Liebe wurden Dating Apps und Sexseiten wie Joy-Club nicht erfunden. Hier zahlt man(n) auch bereitwillig Mitgliedsbeiträge, um sich mehr Zugang zu Spaß zu verschaffen. Es geht also allein um die Grundidee, dass alles in Bezug auf Sex und Liebe irgendwie kommerzialisiert wird und fortan nicht mehr authentisch wirkt.

Denkt mal drüber nach.

Witzig, wenn auch fragwürdig, fand ich passend zur Thematik die neue Werbung von sweetstudents.de: Ersteigere sexy Dates in deiner Stadt. Geil. I guess sex-trafficking works the same. Stehen die Frauen hier auch leicht bekleidet auf nem Podest und drumherum die (weniger) reichen Studenten, die ihre letzten Biermarken verwerten, um möglichst preisgünstig ein paar schöne gemeinsame Stunden abzugreifen. Na ja, irgendwie schon eine witzige Vorstellung aber dennoch traurig… oder was meint ihr!?

Die 68er wirken – zumindest gefühlt – wenn man vereinzelten Erlebnisberichten und vor allem Polizeiberichten aus der damaligen Zeit Glauben schenken kann, ziemlich openminded und erlebnisorientiert. Kommunen wurden gegründet. Natürlich darf man nicht vergessen, dass damals zum größten Teil noch um Freiheiten gekämpft wurde, die für uns heute selbstverständlich sind. Das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Frau z.B. – Stichwort: anti-Babypille.

Die Generation Y ist der Nutznießer der 68er-Revolution, wirkt jedoch zumindest teilweise recht unbeholfen in der Umsetzung und vor allem Ausnutzung der errungenen Freiheiten.

Aber woran liegt das? Zugegeben, unsere Generation ist auf jeden Fall ähnlich drogenaffin. Schließlich geht es uns gut. Wenn wir Probleme haben, dann sind das Luxusprobleme. Ähnlich wie damals: die treibenden Kräfte der linksalternativen Revolution und Kultpersonen der 68er Bewegung kamen zumeist aus gutem Haus und es waren letztlich die Studentenunruhen, die diese Zeit maßgeblich prägten.

Heutzutage ist der Fokus ein anderer. Drogen sind nützlich um sich zu betäuben, oder aufzuputschen, zu fokussieren, länger durchzuhalten, durchzutanzen… damals ging es oftmals um die Bewusstseinserweiterung, das Eins werden mit der Natur, das Ausbrechen aus konservativen Verhaltensmustern und dem grau, biederen Alltag, der von Werten und (Nach-)Kriegsnormen bestimmt war. Einfach leben. Sie wollten einfach leben. Was kann daran schon so verwerflich sein?

Leistungssteigernde Drogen sind gerade aus unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr wegzudenken. Sei es im Sport, bei der Arbeit oder nachts beim Feiern. Irgendwo sind immer Drogen am Start, weil der Mensch scheinbar zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jedem Bereich Unterstützung braucht. So lange er bereit ist dafür zu bezahlen, erhält er diese auch. Danke Tinder, danke Pharmaindustrie, danke Dealer meines Vertrauens…

Aber was bleibt bei dem ganzen letztlich auf der Strecke?

Richtig! Wir – Du – Ich. Lasse keinen Algorythmus dein Leben bestimmen. Geh raus, triff Menschen, umarm einen Baum und knall den (richtigen) Leuten im nächstbesten (passenden) Moment, deine Bedürfnisse um die Ohren und mit großer Wahrscheinlichkeit sind sie kurz darauf befriedigt. Einfach mal wieder mehr Mensch sein. Nicht versteckt hinter irgendwelchen Apps und Bildschirmen. Einfach mal wieder rausgehen, oder irgendwo reingehen… wie auch immer. Heutzutage neigen wir schnell dazu, aufgrund der Schnelligkeit des Alltags den Boden unter den Füßen zu verlieren und uns stockt im wahrsten Sinne des Wortes der Atem. Wir vergessen zu atmen, wir verkrampfen. Spätestens jetzt spüren wir uns nicht mehr wirklich.

Wenn wir wieder echter mit Menschen in Kontakt treten,

…haben wir bestimmt auch eine Chance, soziale Wesen zu bleiben und uns nicht immer weiter von unserer Menschlichkeit zu entfernen und dabei vergessen, dass wir uns hiermit lediglich in eine Opfer-Rolle drängen. Vom Täter zum Opfer. Ein Opfer unserer selbst. Mehr nicht. Mindset ist alles. Ist so. Vielleicht würde es uns dann auch leichter fallen, echte Freundschaften zu pflegen, wahre menschliche Beziehungen zu führen und infolgedessen wirkliche Nähe zu erfahren.

Es würde wahrscheinlich auch unser Beziehungsleben beeinflussen, wenn wir innerlich ruhiger und nicht ganz so ängstlich wären. Der Liebe eine Chance geben – sie einfach zulassen. Die ganze suggerierte Lockerheit und Freiheit kann schon mal einschüchternd wirken, zumindest auf mich. Wen verwundert es da, wenn wir in unseren Beziehungen auf einmal dazu neigen, nach viel Nähe und Geborgenheit zu suchen und die eigenen Bedürfnisse zu überhören. Abhängigkeit und Liebe werden gern verwechselt. Oft erlebt, oft gehört. Oder wenn wir uns, ganz im Gegenteil, einfach abschotten und erst gar keine Nähe zulassen.

Wirklich frei und unabhängig

…habe ich wenige Menschen in meinem Umfeld in den letzten Jahren erlebt. Mich eingeschlossen. Es macht ja dann doch immer noch einen großen Unterschied, ob man sich wirklich frei fühlt, oder bloß vorgibt es zu sein. Wovor haben wir Angst? Einfach mal durchatmen, wenn es wieder stressig wird und den Moment vorbeiziehen lassen. Klingt in dem Moment unlösbar, ist es aber nicht.

Atmen.

BIld: Sebastian Kamps