Eifersucht.

Zusammen wachsen statt zusammenwachsen.

…wenn ich erzähle, dass ich in einer offenen Beziehung lebe, lautet die erste Frage immer:

Gibt es denn sowas wie Eifersucht bei euch gar nicht?

Oh doch! Auch in polyamoren[1] und offenen Beziehungen gibt es Eifersucht. Die Frage sollte demnach lauten, wie man damit umgeht. In alternativen Beziehungskonzepten steht nicht das „Was“, sondern das „Wie“ im Fokus der Diskussion. Es geht also nicht darum, dass man mit jemand anderem geschlafen hat/intim wurde, sondern wie das Ganze von statten ging. Wie habe ich das Ganze kommuniziert? Wie habe ich meinen Partner vor unangenehmen Gefühlen geschützt und (Verlust-)Ängste genommen?

Meiner Meinung nach ist es leicht zu behaupten, dass Menschen, die sich für ein nicht-monogames Beziehungsmodell entscheiden, schlichtweg kein Problem mit Eifersucht haben. Durch die monogame Brille betrachtet scheint das eine logische Erklärung zu sein. Ist es aber nicht. Man ist lediglich bereit, sich seinen Ängsten zu stellen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir leben schließlich alle in dem gleichen kapitalistischen Gesellschaftssystem, welches vom Besitzdenken geprägt ist. Der perfekte Nährboden für Eifersucht und unschöne Gefühle, die einen glauben lassen, man würde ohne „Exklusivrecht“ letztlich den Kürzeren ziehen.

Esther Perel hat in ihrem TEDTalk „Rethinking infidelity… a talk for anyone who has ever loved.“ weitere Motive aufgeführt, die gerade in unserer heutigen Zeit als Katalysator für Seitensprünge und daraus resultierende Unsicherheit für den Betrogenen, bedeutend sind. Auch Simone de Beauvoir, überzeugte Feministin und Geliebte Jean-Paul Sartres, soll rückblickend von eifersüchtigen Episoden und qualvollen Momenten in ihrer polyamoren Verbindung zu dem französischen Philosophen gesprochen haben.

"Als wäre es nicht ein menschliches Bedürfnis, für einen Einzigen einzigartig und bedeutsam zu sein. Und diese Liebe durch Eifersucht zu schützen."[2]

Die Antwortet lautet also definitiv: JA! Aber da Eifersucht kein schönes Gefühl ist und lähmend wirken kann, ist es eine bewusste Entscheidung sich mit ihr zu befassen. Gefühle ändern sich: sie bringen einen um den Verstand; sie flachen ab; sie kommen wieder; sie verschwinden schließlich oder verwandeln sich im Laufe der Zeit in ein kaum merkliches Zwicken, welches einen lediglich noch an die anfänglichen Qualen erinnert.

Die Frage sollte also lauten: Warum hast du beschlossen, dich mit Eifersucht auseinanderzusetzen und den beschwerlichen Weg, der viel Selbstreflexion erfordert, zu gehen?

Ich denke, das persönliche Freiheitsempfinden ist individuell verschieden und ein ausschlaggebendes Motiv, wenn nicht sogar das Motiv. Schließlich steht am Ende des Kampfes auch die eigene (sexuelle) Autonomie. Aber eine Medaille hat immer zwei Seiten und wer (fremd)vögeln will, der muss auch (fremd)vögeln lassen. Womit wir auch schon beim Knackpunkt angekommen wären. Tückisch. Man möchte nicht selbstgerecht erscheinen, jedoch versetzt einem der Gedanke, der Partner könnte sich gerade mit wem anders feucht und fröhlich vergnügen ein Stechen in der Magengrube. Mir hilft es in solchen Momenten immer sehr die Situation zu „spiegeln“, denn in dem Moment, in dem ich mir klar mache, wie viel diese sporadischen Fremdvögeleien mir persönlich bedeuten und inwiefern sie die emotionale Bindung zu meinem Partner gefährden (…nämlich gar nicht!) ist alles nur noch halb so wild.

Aber was ist, wenn er sich verliebt oder der Sex mit ihr besser ist?

Okay, erst einmal: auch in einer monogamen Beziehung ist man nicht davor geschützt, dass der Partner sich eventuell irgendwann zu wem anders hingezogen fühlt und einen – im schlimmsten Fall – sitzen lässt. Hierbei zählt Vertrauen. Vertrauen ist gut – Kontrolle ist abfuck. So lange eine Beziehung nicht auf Vertrauen beruht, ist sie zum Scheitern verurteilt.

„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“[3]

Offenheit und Kommunikation sind daher unabdingbar.[4] Allerdings fällt es nicht jedem leicht, offen und frei über seine Gefühle/Gedanken/Ängste zu reden. In nicht-monogamen Beziehungen ist die Hemmschwelle vielleicht etwas niedriger, da es hierbei um Dinge geht, die auch in der Realität passieren könnten und sich nicht bloß in der Fantasie abspielen. Außerdem läuft man hier nicht Gefahr für sein sexuelles Begehren verurteilt zu werden, denn man hat sich bereits zu Beginn (oder im Verlauf der Beziehung) darauf geeinigt, dieses nicht unterdrücken zu müssen. Im besten Fall ist beiden Partnern klar, dass es hierbei lediglich um einen Trieb und (oftmals) Steigerung des eigenen Selbstwerts geht. Abwechslung macht Freude. Keiner mag Routine.

Natürlich ist es wichtig, dem Partner im Gegenzug immer wieder zu zeigen, dass er trotz des temporären Vergnügens mit Dritten weiterhin die Nummer 1 ist. Ob man das jetzt in Form von Gesten/Gesagtem oder Geschenken vermittelt sei dabei jedem Pärchen selbst überlassen. Hauptsache es hagelt Anerkennung, woraus wiederum ein Gefühl von Sicherheit entstehen/wachsen kann. Wachsen. Noch so ein Begriff.

Eine nicht-monogame Beziehung befindet sich ständig im Wandel. Natürlich stagniert auch eine monogame Beziehung nicht, aber meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass eine offene Bindung auch eine turbulente Dynamik mit sich bringt. Der regelmäßige Input von „außen“ hinterlässt schließlich seine Spuren und sorgt für wenig Ruhe. Gerade in der ersten Zeit.

Willst du dich einfach nur nicht festlegen und warten bis wer Besseres kommt oder liebst du ihn einfach nur nicht so richtig?

Hmm. Mit dieser Frage habe ich einige Probleme. Zugegeben, sie erzeugt im ersten Moment ein klein wenig Wut, die letztlich in einem müden Grinsen erlischt.

Wie liebt man denn richtig? Steht das irgendwo geschrieben? Gibt es da ein allgemein-gültiges Gesetz von Eros selbst erlassen? Nein. Jeder Mensch liebt auf seine Art und Weise. Wenn sich zwei Menschen finden, die auf die gleiche Weise lieben, ist das ein wunderschönes Geschenk. Jemand, der bereits zu Beginn die Kategorien „richtig“ und „falsch“ im Kontext der Liebe anführt, hat jedoch noch niemals geliebt, geschweige denn weiß er, was Liebe wirklich ist. Liebe ist wandelbar, unerschöpflich und allgegenwärtig. Man kann sie nicht in ein Raster pressen, denn dann würde man sie ihrer Fülle berauben.

Die Antwort auf diese Frage lautet also: Oh doch. Ich liebe ihn so sehr, dass ich ihn weder zurückhalten noch über seine Bedürfnisse entscheiden möchte. Ich will ihm zeigen, dass meine Liebe bedingungslos ist und nicht an irgendwelche „Exklusivrechte“ geknüpft. Außerdem: Natürlich möchte ich mich nicht festlegen. Wer will das schon? Dann müsste ich mich ja jedes Mal rechtfertigen, wenn ich einmal gegen meine vorher getroffene Entscheidung agiere. Wie anstrengend. Meine Beziehung möchte ich lebendig leben, wie das Leben. Es kommt schließlich immer anders als man denkt.

Außerdem finde ich es naiv zu glauben, dass ein Mensch allein für die Gesamtheit der eigenen Bedürfnisse „aufkommen“ muss. Ist das nicht ganz schön viel Druck, den man seinem Partner so bereits zu Beginn auferlegt? Sind das nicht eine Menge Erwartungen, die nicht erfüllt werden können/erfüllt werden müssen? Im Alltag sehnen wir uns doch auch schließlich ständig nach mehr Freiheit; Selbstverwirklichung… Warum dann nicht auch in der Liebe?

Brauchst du so viel Sex bzw. ist dir Sex so wichtig? Kommt es oft vor, dass ihr Andere trefft?

Witzigerweise gar nicht mal so oft. Manchmal reicht schon das Wissen, tun und lassen zu können, was man will und der Reiz ist verschwunden. Verbotenes ist schließlich auch nur so lange interessant, wie es verboten ist. Schaut euch Kleinkinder an. Oder erinnert euch an eure Kindertage, wo ihr Grenzen getestet habt und einfach nicht aufhören konntet Verbotenes zu tun, in der Hoffnung nicht erwischt zu werden. Was ein Nervenkitzel. Nur weil etwas erlaubt ist, heißt es nicht, dass es ständig passiert oder besonders gut ist.

Noch so ein Punkt: Die Fantasien, die man sich (manchmal) in einer langjährigen monogamen Beziehung aufbaut (Sex mit einem Fremden; One-Night-Stands), bleiben meistens geile Fantasien. Denn die Realität sieht anders aus. Gerade ONS halten in den wenigsten Fällen, was sie versprechen. Zumindest aus weiblicher Sicht, in diesem Fall meine Sicht. Der Sex mit einem Fremden ist wenig eingespielt und meistens schnell vorbei oder durch Alkohol und/oder andere Substanzen getrübt. Wirklich fallen lassen kann man sich in der „fremden“ Bude, die am nächsten Morgen auch nicht mehr so einladend aussieht, auch nur in den seltensten Fällen.

Diese Faktoren vergisst man schnell, wenn man sich in seiner Fantasie die wildesten Abenteuer ausmalt. Na ja, manchmal reicht es schon, in den richtigen Momenten nicht „Nein“ sagen zu müssen. Es gibt sie, diese Momente. Wo sich die Gelegenheit bietet der eigenen Lust nachzugehen… im besten Fall ohne Rücksicht (nehmen zu müssen) auf Verluste.

Fazit: Eine offene Beziehung ist nicht bloß auf Sex zentriert, denn der Sex stellt keine zerstörerische bzw. gefährdende Kraft dar.[5] Im Mittelpunkt dieser alternativen Beziehungskonzepte steht die emotionale Verbindung der beiden Partner zueinander.

Die Liebe eben.

 Und was ist, wenn ihr mal Familie wollt?

Gute Frage. Darauf habe ich keine Antwort. Außer: auch hier wird sich bestimmt eine Lösung finden, denn darin sind wir im Laufe der Zeit verdammt gut geworden: Lösungen zu finden. Lösungen, mit denen beide Parteien auch längerfristig mit gutem Gewissen leben können. Wenn die Zeit (und gegebenenfalls das erste Kind) gekommen ist, werde ich bestimmt auch auf diese Frage eine Antwort geben können. Aktuell kann ich lediglich auf Patchwork-Familien und „Zweitfamilien“ hinweisen, die ebenfalls ein Gegenmodell zu der herkömmlichen Verbindung „Mutter-Vater-Kind“ darstellen. Hier haben zumindest in manchen Fällen auch mehrere Erwachsene Einfluss auf die Erziehung des Kindes. Der einzige Unterschied: die Eltern verkehren nicht mehr miteinander, sondern neuerdings mit Anderen. Was wäre so schlimm daran, wenn sie es zur gleichen Zeit tun würden? Natürlich ist ein harmonisches Miteinander aller Parteien hierbei Grundvoraussetzung. Grundvoraussetzung aber leider auch bei (serieller) Monogamie nicht selbstverständlich.

0der leben Trennungskinder in ständiger Harmonie?


[1] Definition Polyamorie: Kurz könnte man sagen, dass Polyamorie bedeutet, mehr als eine Person zur selben Zeit erotisch zu lieben. Im Gegensatz zum Fremdgehen geschieht dies hier mit der Einwilligung sämtlicher Beteiligten. Um Polyamorie von anderen nicht monogamen Lebensstilen abzugrenzen, gehören ein paar wesentliche Merkmale […]:

1. Ehrlichkeit/ Transparenz (Poly ist nicht „Betrügen“)

2. Gleichberechtigung/Konsens (Poly ist nicht patriarchale Polygynie)

3. Langfristige Orientierung (Poly ist nicht Swinging)

Wenn eine erotische Liebe mit mehr als einem Partner gleichzeitig den oben genannten Kriterien entspricht, wollen wir im Folgenden von Polyamorie sprechen. (mehr dazu: http://www.polyamorie.de/definition-silvios-poly-buch-online-50.html, abgerufen am: 10.11.2018)

[2] Zitiert nach: Simone de Beauvoir.

[3] Zitiert nach: Franz Grillparzer.

[4] Bedingungen von Polyamorie: Ehrlichkeit und Transparenz

Die jeweiligen Partner und Beteiligten wissen um die anderen Partner und Beteiligten. Das jeweilige Beziehungsnetzwerk ist offengelegt, vielleicht kennen sich die Beteiligten auch untereinander. Es werden keine Anstrengungen unternommen, etwas geheim zu halten. Es wird dem jeweiligen Partner zugetraut, mit den auftretenden Gedanken und Emotionen umzugehen. Dieses Merkmal unterscheidet Polyamorie von heimlichen Liebschaften, Seitensprüngen und weiteren Begleiterscheinungen monogamer Partnerschaftsformen: Polyamorie ist nicht „Betrügen.“ Poly stellt sich da auch in Opposition zu der verbreiteten „don´t ask, don´t tell“ – Philosophie vieler Paare. Während dort die Ansicht herrscht, man könnte heimlich fremdgehen und bei dezentem Umgang würde dies auch langfristig funktionieren, glaubt die noch kleine, aber wachsende Minderheit der Poly-Anhänger, dass absolute Ehrlichkeit langfristig zu stabileren und glücklicheren Beziehungen führt.

(mehr dazu: http://www.polyamorie.de/definition-silvios-poly-buch-online-50.html, abgerufen am: 10.11.2018)

[5] Die beiden essentiellen Zutaten der Polyamorie sind „mehr als ein” und „liebevoll”. Das bedeutet, dass die Menschen in solchen Beziehungen eine liebevolle Gefühlsbindung haben sollten, in vielfältiger Weise in ihrem Leben in Beziehung stehen, und für ihr gegenseitiges Wohlergehen sorgen. Der Begriff ist also nicht dazu gedacht, angewandt zu werden auf Ausübung von Sexualität als reine Freizeitbeschäftigung, Orgien, „One-night Stands”, Prostitution, Fremdgehen, serielle Monogamie, oder die gängige Definition von Swingen als Partnertausch in anonymen Rahmen.

(mehr dazu: http://www.polyamorie.de/definition-silvios-poly-buch-online-50.html, abgerufen am: 10.11.2018)

Photo by Christine Bongartz (Instagram: fotografiene)

Nadine VetterKommentieren